Von Heinrich Albertz

Ostern, nun wieder Ostern. Aber diese Zeitung erscheint schon am Mittwoch davor, und von da ist noch ein weiter Weg bis zu dem Morgen, an dem das Unmögliche geschehen sein soll; Ein Toter lebt, das Siegel über seinem Felsengrab ist zerbrochen, die Wachen haben geschlafen, Römer und Juden sind genarrt, und an dem Glauben, daß dieses Unmögliche Wahrheit sei, geht schließlich ein Weltreich unter.

Ein weiter Weg. Ein Rabbi, wie viele andere, wird festgenommen, vor den Hohen Rat gestellt, der Besatzungsmacht ausgeliefert, zum Tode verurteilt wegen Hochverrats und Gotteslästerung. Nach Recht und Gesetz – wer sagt, er sei Gottes Sohn und der König der Juden, muß sterben. Korrekt geht alles zu, grausam korrekt, wie zu allen Zeiten nach dem jeweils geltenden Recht und unter dem Jubel der Massen, die für Gerechtigkeit halten, was ihre Gesetze vorschreiben. Der Haß der Juden gegen die Römer schließt nicht aus, einen der ihren dem Feinde zu überantworten.

Für Pilatus ist Jesus nur einer von Tausenden in dem blutigen Geschäft, das er seit Jahren betreibt, ein unterworfenes Volk am Rande des Reiches zu unterdrücken und auszubeuten. Der Mann, als Verbrecher zwischen Verbrechern hingerichtet, wird morgen vergessen sein. Die ihm anhingen, sind davongelaufen in panischer Angst, als Sympathisanten aufgegriffen zu werden, haben ihn verraten und werden sich verlaufen. Bis auf ein paar Frauen, die bis zu seinem letzten Schrei aushalten, ist niemand da, der ihn sterben sieht, außer dem Exekutionskommando, das seinen Tod durch einen Stich in die Seite feststellt.

Nur schnell ins Grab! Mit der kriminellen Vereinigung der Jesuaner wirdman schnell fertig werden. Sicher sind Akten geführt worden, Todeslisten: „Jesus, Sohn des Joseph und der Maria aus Nazareth, ohne festen Aufenthalt, gekreuzigt zwei Stunden vor dem Beginn des Sabbatfestes, gestorben, begraben sofort nach Eintritt des Todes im Grab des Joseph von Arimathia, Grab versiegelt, Wachen am Ort. Unterschrift“.

So endet die Geschichte. Und wenn die Meinungsforscher heute durch die Lande gingen und die Leute fragten, bis auf eine verschwindende Minderheit würde auch im christlichen Abendland die Antwort, wenn sie ehrlich ist, so gegeben werden: Ja, so endet die Geschichte. Tote sind tot. Flüsse fließen nicht bergauf. Zwei mal zwei ist vier. Was dann noch berichtet wird, sind Träume, Halluzinationen der verschreckten Gefährten, vor allem der Frauen, oder schlichter Betrug, um recht behalten zu können. Und dann haben sich die Theologen über das Märchen hergemacht und ihre Glaubensbekenntnisse gezimmert: „Am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.“

Das Merkwürdige ist nur, daß genau dieser Glaube und dieses Datum, der frühe Morgen des Tages, den wir heute den Ostersonntag nennen, das Schlüsseldatum für die Existenz der ersten christlichen Gemeinden und damit für das Abendland der Beginn eines Prozesses war, mit dem wir heute noch, zweitausend Jahre danach, nicht zu Ende sind: Die umwerfende Erfahrung, daß unsere Rechnungen manchmal nicht aufgehen, daß dieser Tote lebt, daß heute noch und heute wieder unter uns seligen Menschen auf der ganzen Welt die lebendige Gegenwart dieses zu den Akten geschriebenen Jesus von Nazareth zu neuem Leben, neuer Hoffnung und neuer Gewißheit führt – und daß selbst die elende Geschichte der christlichen Kirchen diese Erfahrung nicht zerstören konnte: Im südlichen Afrika, in ganz Lateinamerika, in Polen und in der Sowjetunion ist dieser lebendige Christus sogar zur einzigen Hoffnung geworden, um die es sich noch zu leben lohnt.