Von Wilfried Kratz

Eigentlich ist Margaret Thatcher strikt gegen jeden staatlichen Dirigismus. Doch in der Informationstechnik hat die konservative britische Regierung nun ein Gebiet gefunden, wo sie mit einem Elan interveniert, der selbst französischen Planificateuren Ehre machen würde. Dieses Jahr erklärte sie zum IT-Jahr („Information Technology“), in dem die Briten zum großen Sprung nach vorn ansetzen wollen in die erregende Zukunft der Mikroprozessoren, Kabelsysteme und des Satelliten-Fernsehens.

Staatliche Interventionen galten der Regierung bisher allenfalls als notwendiges Übel. Ihre wirtschaftspolitische Doktrin lief darauf hinaus, lediglich die Bedingungen zu schaffen, in denen private Unternehmen selbst die Zeichen des Marktes erkennen. Wie konnten sich Beamte erkühnen, ein besseres Urteil zu haben als Unternehmer, die schließlich ihr eigenes Geld riskieren?

Diese Beamten lächeln heute nachsichtig und erklären, jede Regierung brauche ungefähr achtzehn Monate, um die radikalsten Programmpunkte abzuschleifen. Die konservative Administration sei da keine Ausnahme. Im übrigen handele es sich hier nur um eine „positive Intervention“. Sie sei ganz anderer Natur als die bisherigen Eingriffe mit Subventionen für defizitäre staatliche Industrien wie Stahl, Werften und Automobilbau. Schon aus sozialen Gründen erschien es da Frau Thatcher unmöglich, den Konkursverwalter zu bestellen. Doch jetzt würden – statt für die alte Industrie Geld zu verpulvern – zukunftsträchtige Branchen gefördert.

Regierungschefin Margaret Thatcher brauchte davon nicht lange überzeugt zu werden. Minister Kenneth Baker erhielt den Auftrag, sich ausschließlich um Information und Kommunikation zu kümmern. Denn hier bahne sich eine Revolution an, vergleichbar mit dem Eisenbahnbau im letzten Jahrhundert, meint der Historiker und Büchersammler Baker und treibt die Industrie mit Slogans an wie „automatisiere oder liquidiere“, Großbritannien soll diesmal nicht ins Hintertreffen geraten. Durch bereitwillige Annahme der neuen Technik soll es vielmehr eine führende Rolle spielen.

Die Revolution beruht unter anderem auf modernen Kabelsystemen, entweder aus Kupfer oder Glasfasern, durch die sehr viel mehr Informationen ins Wohnzimmer und ins Büro und auch von dort aus zurückgeschickt werden können als durch die herkömmliche Telephonleitung. Größte Attraktion für das breite Publikum ist die Möglichkeit, sich von viel mehr Fernsehprogrammen informieren oder unterhalten zu lassen. Aber das „breitbandige“ Superkabel bietet technische Möglichkeiten, die weit darüber hinaus gehen. Der Teilnehmer erhält Zugang zu einer Vielzahl von Informationen und Dienstleistungen. Er kann eine Flugreise buchen, Bestellungen im Supermarkt aufgeben, seiner Bank einen Auftrag übermitteln und sogar durch Knopfdruck an einer Meinungsumfrage über eine neue Straßenführung in seiner Gemeinde teilnehmen.

Frau Thatcher bat eine Gruppe von Experten um ihre Meinung über die Zukunftschancen der neuen Technik. Die Fachleute, überwiegend aus der Industrie, legten nach wenigen Monaten ein Papier vor. Darin wird die Verkabelung begeistert begrüßt und die kommerziellen Chancen gerühmt. Allerdings konzentriert sich die Studie auch auf die Frage, die in der Bundesrepublik bisher fast ausschließlich die Politiker und die Öffentlichkeit beschäftigt: Die Experten setzten den Hauptakzent auf mehr Fernsehprogramme und erwähnten die übrigen Anwendungsbereiche nur am Rande. Bis spätestens September soll eine jetzt eingesetzte Kommission untersuchen, wie die Fernsehvielfalt kontrolliert werden kann.