Von George Hodos

In den Vereinigten Staaten ist zur Zeit Liberalismus nicht nur die dominierende, sondern die einzige intellektuelle Tradition“, schrieb 1950 Lionel Trilling, der bekannte Literaturkritiker und Essayist. Vereinzelte konservative oder reaktionäre Impulse seien nichts anderes als „gereizte Denk-Gesten, die Ideen bloß ähnlich sehen“. Fünfzehn Jahre später zerbrach die Alleinherrschaft in Scherben. Heute könnte Trilling genau das Gegenteil behaupten: Der Liberalismus gibt sich geschlagen, überläßt, teils paralysiert, teils ins Feindeslager desertierend, das Feld den rechten Ideologien.

Vielleicht am augenscheinlichsten ist der Umschwung bei den privaten Think Tanks diesen Denk-Fabriken zur Produktion von Ideen in Wirtschaft, Kultur und Politik.

Jahrzehntelang ergossen sich, von Industrie, Handel und Finanz in unerschütterlicher Treue finanziert, Tonnen von Studien aus dem Think Tank der Rechten, dem Hoover-Institut, den Studienzentren der Georgetown-Universität, dem American Enterprise Institute, der Heritage Foundation – sie versickerten im Sande des Unzeitgemäßen, an Verlierer verschwendet wie Barry Goldwater oder Ronald Reagan, der es vom Gouverneur-Sessel nicht weiterzubringen schien. Demgegenüber war das liberale Brookings-Institut nicht nur ein Think Tank, sondern auch eine Säule des Establishments; Roosevelt, Kennedy, Johnson und Carter bedienten sich seiner.

Lionel Trilling wäre verblüfft, hätte er das Jahr 1980 erlebt. Die verkannten Weisen der rechten Think Tanks strömten in die Reagan-Administration, ihre „gereizten Denk-Gesten“ wurden zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Richtlinien der Regierung. Das Brookings-Institut hingegen bietet das Bild völliger Sterilität, ihre unbefragten Forscher denken gereizt über neue Antworten auf die konservative Welle nach, ohne daß ihnen bisher etwas Neues darüber eingefallen wäre.

Das „Institute for Policy Studies“ (I.P.S.) in Washington hat an diesem Platzwechsel nicht teilgenommen; es war und blieb ein Außenseiter. Seit seiner Gründung im Jahr 1963 war es als eine Art von Alternativ-Universität gedacht, wo eine politisch engagierte, radikale Theorie die gesellschaftliche Praxis zu befruchten sucht, ein Kind der Studentenrevolte, des Vietnamkrieg-Protestes und der Neuen Linken.

Seine Publikationen spiegeln ein breites Meinungsspektrum von Anarcho-Syndikalismus, Trotzkismus und Neo-Marxismus bis zum Links-Liberalismus wider; die Politwissenschaftler, Ökonomen, Historiker, Juristen und Soziologen um das I. P. S. und seiner in Amsterdam errichteten Zweigstellen mit Namen „Transnationales Institut“ konzentrieren sich vor allem auf kritische Untersuchungen über den nationalen Sicherheitsstaat, die Rolle der Vereinigten Staaten und der multinationalen Konzerne im Kalten Krieg und in der Dritten Welt, den atomaren Rüstungswettlauf und die Erosion der bürgerlichen Freiheitsrechte. Kurzum, das I.P.S. ist ein Sammelbecken der radikalen Linksintellektuellen, und es machte aus seiner Überzeugung nie einen Hehl.