Von Christian Schmidt-Häuer

Budapest, im April

Asiatische Flötentöne statt Zigeunerfideln, die Kellner tragen keine Pußtatrachten, sondern Seidenblusen. Das Etablissement „Ente“ ist ganz auf Peking ausgerichtet – nur mit der Küche hapert’s noch: zuviel Paprika, zuwenig Bambusspitzen. Das alte Budapester Lokal unterhalb des Burghügels ist zum ersten chinesischen Restaurant der ungarischen Metropole ausstaffiert worden, seit es im Zuge der begrenzten Reprivatisierung an den meistbietenden Pächter versteigert wurde. Der heißt Sándor Hegedues, von Beruf Kellner und Ökonom. Er ist der Sohn von Andris Hegedues, dem Ministerpräsidenten der Stalinzeit, der im Aufstandsjahr 1956 stürzte, im Moskauer Exil zum Reformer wurde und heute Ungarns maßvolle Systemkritiker als Vaterfigur anführt.

Der „Ente“ gegenüber liegt das Budapester Militärgefängnis. „Da bin ich in der ersten Hälfte der siebziger Jahre vernommen worden“, sagt der von westlichen Literaturkritikern und Soziologen gleichermaßen gerühmte Schriftsteller György Konrad, als wir das Chinarestaurant verlassen. Gibt es heute noch politische Gefangene? Konrad kennt keine.

Ein Politbüromitglied aus dem engsten Kreis der Macht, dem ich bei anderer Gelegenheit die gleiche Frage stelle, antwortet: „Soweit ich weiß, gibt es keine politischen Gefangenen.“ Aber das Militärgefängnis kennt auch dieser Spitzenfunktionär von innen: Er, der in der Stalinzeit der Hinrichtung knapp entkam, wurde dort ebenfalls verhört – gut zwanzig Jahre früher als Konrád. Ungarns Führung und ihre zahlenmäßig kleine, intellektuell bedeutende Opposition haben mehr gemeinsam und mehr zu verlieren als andere.

Ungarn heute – ein sozialistisches Wunderland, das seine Vergangenheit nahezu bewältigt hat und seine Zukunft teilprivatisiert? Ein materialistischer Mikrokosmos im angeblich alles erdrückenden Sowjetsystem – angstfrei im Innern, sorgenvoll nur über die Außenwelt? Breschnjew und Prawda haben die Budapester Reformen abgesegnet, die sowjetischen Landwirtschaftsdelegationen studieren sie fieberhaft, den Polen gelten sie als letzter Strohhalm. Die Ungarn warnen dennoch besorgt vor übertriebenen Hoffnungen und falschen Propheten. Politbüromitglied György Aczél, Ungarns Ideologie- und Kulturpapst, dessen Arbeitszimmer im Budapester Parlament der Studierstube eines Volkskunstsammlers gleicht, mahnt: „Das kann sich alles nur an Ort und Stelle und nicht vom Schreibtisch aus entwickeln.“ Budapest lehne das Etikett des „ungarischen Modells“ nicht deshalb ab, weil es den Einspruch der Sowjetunion fürchte, sondern weil seine Reformen ganz spezifisch auf die ungarischen Übel aus vielen Jahrzehnten zugeschnitten seien.

Welche Wunder haben diese Reformen geschaffen? Wo liegen ihre Grenzen, wo die Gefahren?