Bis zum Ende seines Lebens war Fritz Eberhard ein ungemein lebhafter, munterer, ja unternehmungslustiger Mann, Noch in seinen letzten Tagen sagte er mir im Schwarzwald, wo er zur Kur war, im Sommersemester wolle er in Berlin ein kleines Privatseminar abhalten, das nicht mehr so anstrengend sein solle wie sein letztes Seminar über „Terrorismus und öffentliche Meinung“, in das 450 Interessierte gedrängt hatten. Wer mit ihm sprach, fand bis zuletzt keinen Greis, sondern einen – trotz Operation und Rekonvaleszenz – angeregten, umgänglichen, fast fröhlichen Mann.

Fritz Eberhard, Publizistikprofessor und Mitschöpfer des Grundgesetzes, wurde 1896 als Hellmut von Rauschenplat in Dresden geboren. Der Baron war seit 1922 Sozialdemokrat. Sein Deckname und späterer bürgerliche Name ist eine Folge neunzehnjährigen Kampfes gegen den Nationalsozialismus.

Damals, solange das noch möglich war, reiste er illegal im Deutschen Reich herum. Zuerst mit dem Paß eines Schweizers, der in Strafhaft saß. Mit diesem Dokument konnte er ganz Europa besuchen, durfte sich aber in der Schweiz nicht blicken lassen. Als der Schweizer wieder freikam, mußte Eberhard den schönen Paß zurückgeben. Belgische Sozialisten besorgten ihm einen neuen, Zu Eberhards Überraschung salutierten die deutschen Beamten an der Grenze besonders stramm, Im Hotel, bei einer Kontrolle, wurde er als Nazigröße respektvollst behandelt. Belgische Pässe erhielten in dieser Zeit überhaupt nur hohe belgische Nationalsozialisten; dies erfuhr der seltsam Geehrte später. Schmunzelnd erzählte Eberhard dies kurz vor seinem Tode auf einem Schwarzwald-Weg, gelegentlich zum Verschnaufen innehaltend.

Die Erinnerung animierte ihn, brachte ihm Spaß. Zuletzt machte er sich jedoch Sorgen über die Zukunft des Staates, den er mitgeschaffen hätte. Eberhard beschuldigte die Parteien heute der Volks- und Bürgerferne. Behutsam wollte er deshalb das plebiszitäre Element im Grundgesetz stärken und erweitern, weil die Parteien in ihrer Erstarrung Notwendiges nicht mehr fertigbrächten. „Jedes Mittel, Staatsverdrossenheit zu überwinden, müssen wir ergreifen. Das wird allmählich gefährlich. Da könnten nämlich die Nazis der Zukunft grasen. Diese Wiese möchte ich ihnen wegnehmen.“

Die Methoden der hessischen Verfassungsorgane, eine Volksabstimmung über den Ausbau des Flughafens abzuwürgen, nannte Eberhard „ganz abscheulich“. Die Bevölkerung sei dort am Narrenseil herumgeführt worden. Die Friedensbewegung betrachtete er mit Sympathie; er sprach sogar von einer atomwaffenfreien Zone, die man per Volksabstimmung zur Diskussion stellen könnte. Der Staat dürfe hierzulande keinesfalls Atomraketen gegen den Willei der Bevölkerung stationieren. (Eberhards letztes Interview ist nachzulesen im Vorwärts.)

Daß das Grundgesetz selbst nicht vom ganzen Volk beschlossen, sondern nur von Länderparlamenten gebilligt worden sei, bedauerte Fritz Eberhard ein wenig, Aber damals sei das richtig gewesen. Man habe es eilig gehabt, damit es endlich eine handlungsfähige Bundesregierung gäbe,

Wenige Tage nach diesem Gespräch reiste Fritz Eberhard fast überstürzt, nur mit Tasche und Mantel, aus Hinterzarten ab. Er muß das nahende Ende gespürt haben. Sechs Tage später ist er gestorben. Hanno Kühnert