Von Heinz Josef Herbort

Am Ende von Carl Orffs „De temporum fine comoedia“, dem Spiel vom Ende der Zeiten, wenn Lucifer mit Maske und Kostüm auch seinen Charakter, mit dem Geständnis „Pater peccavi – Vater, ich habe gesündigt auch seine diabolische Rolle abgelegt hat und wieder zum ursprünglichen Lichtträger wird, singt der Chor, der mit der weltlichen Stimme: „Venio ad Te. Tu paraclitus es et summus finis – Ich komme zu dir. Du bist der Paraklet und das letzte Ziel.“ Und die mit den himmlischen Stimmen antworten: „Ta panta nous – alles ist Geist,“

Nun ist der Paraklet ja keine Allerweltsfigur. Nur in den fünf „Abschiedsreden“ des Johannes-Evangeliums wird der „Geist der Wahrheit“ auch „Paraklet“ genannt, der Sachwalter, Verteidiger, auch Tröster, Fürsprecher, Helfer. Während seines irdischen Daseins war Jesus für seine Jünger selber der Paraklet gewesen – aber sie hatten ihn mißverstanden: ihre messianischen Vorstellungen waren innerweltlich geblieben. Nach seinem Weggang muß die Funktion ein anderer oder etwas anderes übernehmen, und der wird die eigentliche „Wahrheit“, das ist in diesem Fall die Wirklichkeit jener einmaligen Existenz vom „Vater“ und vom „Sohn“, offenbaren, klarstellen.

Carl Orff also als Hermeneut, als der Prediger, der einen der Kernsätze christlichen Glaubens, nämlich die Einheit des „Vaters“ mit dem „Sohn“ verkündet? Carl Orffs Werk als das große Panoptikum christlicher Weltanschauung, als die Ausbreitung all jener Aspekte einer menschlichen Existenz zwischen Himmel und Erde, zwischen Genuß und Reue, zwischen Aufstand und Einsicht, zwischen Lust und Gesetz? Und am Ende dieser Werkkette das Bekenntnis jemandes, der sich seiner Sündhaftigkeit bewußt ist, eines heimkehrenden Verlorenen Sohnes, der erkannt hat, wo die Wahrheit liegt und wo ein Verteidiger, Tröster, Fürsprecher zu finden ist? Als Carl Orff die „Comoedia“ schrieb, war er bereits 75 Jahre alt.

Aber da springen sie alle auf, die Freisinnigen und die rabbinischen Zeloten, die Technokraten des modernen Weltbildes und die Anhänger der indischen Bhagavad-Gita, die Mystiker des dritten Jahrtausends nach wie des ersten vor Christus oder unserer Zeitrechnung. Alles, das All ist Geist – auf diesen Schlußsatz verweisen sie und wissen, daß er über das Christliche weit hinausgeht. Der Geist als der Wind, der Atem des Lebens, das Leben schlechthin; der reine und der unreine Geist, der Geist und das Fleisch, der Geist als die Macht. Carl Orff als der Anachoret, der geistliche Vater einer Weltgeist-Gemeinde zwischen dem Griechentum und dem MIT, zwischen Indien und Stanford, zwischen Rom und einer interstellaren Energiekonzentration?

Als die „Comoedia“ uraufgeführt wurde, 1973 in Salzburg, hatten Everding und Karajan ein Gesamtkunstwerk daraus zu machen versucht, ein Schau-Spiel aus Klang, Licht und Bewegung. Die Schallplatte macht deutlich, was das Stück eigentlich ist: ein statisch-stationäres, wenngleich visionäres Oratorium. Die beiden gegensätzlichen Aufführungen lassen etwas Wesentliches im Werk von Carl Orff erkennen: die Ambivalenz, das Janusköpfige, die zwei Seiten.

Carl Orff war der Verkünder einer christlichen Humanität, aber sie war eher human auf der Basis christlich-abendländischer Tradition. Er hätte Dogmen verkünden können, katholische, christliche, theistische, aber sie hätten auch griechisch, jüdisch, islamisch sein können – wenn sie nur auf den Menschen bezogen waren; daß er es nicht tat, hat seine Gründe – in den vorhandenen Dogmen selber, in den anderen, noch älteren Wurzeln dieser (seiner) Tradition, aber auch in den Maximen seines wechselnd orientierten Lebens, schließlich einfach in der nicht vorhandenen Notwendigkeit.