Von Rolf Michaelis

Wenn die Eingeweihten bange raunen, müssen wir schreien. Gefahr droht der Literatur von hemmungsloser Profitgier mancher Verleger, vom zunehmenden Kleinmut vieler Buchhändler, von den „Sparbeschlüssen“ überall.

Todesanzeigen für Literatur innerhalb der letzten Woche:

  • Das Zweite Deutsche Fernsehen setzt seine einzige regelmäßig ausgestrahlte Literatursendung, „Litera-Tour“, ab.
  • Das Literaturmagazin Lektüre stellt nach sechs Jahren sein Erscheinen ein.
  • Auf den Buchhändlertagen in Mainz klagt einer der bekanntesten Bücherhändler, der Berliner Kurt Meurer, Verlage an, die „von Anfang an für den Ramsch produzieren. Die Verunsicherung des Marktes und die Ausnutzung der Preisbindung gehen weiter. Neuestes Beispiel ist der Herder Verlag, der in ganzseitigen Anzeigen an erster Stelle mit Ramschtiteln wirbt... Wenn sich schon ein solch renommierter Verlag dieser Praktiken bedient, ist die buchhändlerische Verpflichtung und damit die Preisbindung gefährdet“
  • Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Günther Christiansen, spricht in Mainz von den „tödlichen Gefahren“, die durch mörderische Wettbewerbskämpfe in der eigenen Branche drohen. Er kann, angesichts des „schrumpfenden privaten Marktes“, mit dem Blick auf den „öffentlichen Markt“, der kulturfremden, wenn nicht kulturfeindlichen Rotstift-Bürokraten schutzlos preisgegeben ist, das Wort vom „Verhängnis, das schon längst seinen Lauf genommen hat‚ nicht vermeiden. Christiansen zitiert den im November 1981 gestorbenen Verleger und Buchhändler Herbert Grundmann, den er als „Jahrhundertereignis für den deutschen Buchhandel nach dem Kriege“ preist: „Es könnte sein, daß der Buchhandel wirklich, wie in anderen Ländern, zum Handel mit Büchern degradiert und das literarische Leben vor lauter lachhaften Bestseller- und Parallelausgabengeschäften stirbt.“
  • Das amerikanische Magazin Time veröffentlicht einen Bericht über alarmierende Umsatzrückgänge im „book business“: „Hard Times in Hard-Cover Country Deutsche Verleger und Buchhändler könnten daraus lernen, wie eine Branche sich selber ruinieren kann, etwa durch die in den USA so genannte „Drei Baren“-Praktik. Der Ausdruck wurde geprägt, als die in den Bergen spielende Phantasiegeschichte von Tom Robbins, „Still Life with Woodpecker“, 1980 gleichzeitig in drei verschiedenen Ausgaben auf den Markt geworfen wurde, als üppiger Leinenband für 12,95 Dollar („Papa Bear ), als gut gemachter Paperback für 6,95 Dollar („Mama Bear“) und als Wegwerf-Taschenbuch für 3,25 Dollar („Baby Bear“). Diese Simultanausgaben von Büchern, wobei auf 5000 „Papas“ 30 000 „Mamas“ kommen, sind mitschuldig daran, daß weniger Bücher gekauft werden, die Verlage die Titelproduktion drastisch einschränken (Harcourt Brace Janovich reduzierte sein Programm von 110 Bücher 1970 auf 70 in diesem Jahr) und daß die Taschenbuchrechte nichts mehr wert sind. In Mainz, wo der Sortimenterausschuß „Preisbindungsverstöße“ kritisieren mußte, deuteten sich ähnliche Entwicklungen auch bei uns schon an. Die Fachzeitschrift. der Verleger und Buchhändler, das Börsenblatt, tadelt denn auch die „Aushöhlung der Preisbindung“ dadurch, daß „Parallelangaben“ für verschiedene, gleichzeitig angebotene Buchausgaben gemacht werden, wobei dann „die Aufhebung der Preise für die Originalausgaben erzwungen werden mußte“, und klagt: „Die Intervalle zwischen Originalausgabe und Weiterverwertung werden immer kürzer, und die einstmals im ‚Hamburger Abkommen‘ vereinbarte Regel, daß ein Titel mindestens zwei Weihnachtsgeschäfte erlebt haben soll, hat kaum noch Gültigkeit.“
  • Wenn schon der Vorsteher des Börsenvereins der Ansicht ist, der „Berufsverband“ dürfe angesichts solcher „Vermarktung bis zum Gehtnicntmehr nicht schweigen, auch auf die Gefahr hin, daß er einzelnen Mitgliedern kräftig auf die Füße treten muß“, wundert es nicht, daß der Herausgeber der Zeitschrift für Literatur Akzente, Michael Krüger, in einem programmatischen Wort „An die Akzente-Leser“ nicht umhinkommt, „das Ende der Literatur“ anzuvisieren. Leserbriefe und Abbestellungen der letzten Zeit bedenkend, zieht Michael Krüger den Schluß, „daß eine Literatur, die nicht als sogenanntesLesefutter‘, als unterhaltendes Hallodri oder als politisches Kampfwerkzeug gebraucht werden kann, aus dem kulturellen Kreislauf ausgeschlossen werden soll“.

Krüger attackiert das auch von vermeintlich an Literatur, an Kunst interessierten Menschen immer häufiger zu hörende Geschwätz, ein Buch, ein Stück, ein Bild oder auch nur ein kritischer Aufsatz sei zu „esoterisch“, zu „anspruchsvoll“ oder einfach „abseitig“: „Dieses Verdikt trifft vor allem eine Literatur, die sich subtil und radikal auf ihre eigenen Bedingungen einläßt,

‚objektive‘ Etikettierungen unterwandert und sich einer Imagination verpflichtet fühlt, in deren prismatischen Verspiegelungen die Verfassung von Welt, Gesellschaft und Sprache anders aussieht und tiefer begriffen wird als in der sogenannten realistischen, die heute gehandelt wird.“

Gerade in unserem Land, wo viele dazu neigen, eine aktuelle, schwere Krise gleich als Katastrophe zu empfinden, muß die Frage nach dem, was Literatur, was Kunst für den einzelnen und für die Gemeinschaft bedeutet, dringlich gestellt werden. Aus viel zu vielen Funkhäusern und Redaktionen, von viel zu vielen bestellten und selbsternannten „Aufsichtsräten“ hört man das Leisetreter-Kommando: Nur nichts Schwieriges! Wer hat ein Interesse daran, die quälenderen Fragen zu verdrängen, Literatur und alle Kunst zu beschränken auf ablenkende Feierabendunterhaltung für müde Werktätige?