Eine Reise zu Walter De Maria "Blitzfeld" nach Neu-Mexiko

Von Günter Metken

Santa Fe hat den langweiligsten Wetterbericht der USA: an dreihundert Tagen des Jahres scheint die Sonne. Und Neu-Mexiko ist mit der trockenste Staat der Vereinigten Staaten, zu denen es erst 1848 nach dem mexikanischen Krieg stieß. Vorher, seit der Conquista und bis zur Unabhängigkeit Mexikos, war es spanisch gewesen, Pufferzone des Imperiums, in dem die Sonne nicht unterging. Es ist ein Land der Wüsten, Mesto und Hochgebirge, ein ständiges Naturschauspiel, permanenter erster Schöpfungstag, Geologie im Aufriß. Die Landschaft spottet der Beschreibung, überall Akropolen, Architekturen an sich. Ununterscheidbar, wo Felsen aufhören, Gebautes beginnt, wie auf den "Ganzen Städten, von Max Ernst, der 1935/36 solche ausgeglühten Bergkuppen malt, inneres Gesicht und Vorausnahme dieser mineralischen Welt, in welche ihn die Emigration verschlagen wird.

Naturschauspiel, sagten wir, und haben noch nicht vom gleißenden, durch keine Feuchtigkeit gebrochenen Licht gesprochen, das dauernd alles ummodelliert, neu ankoloriert, ja solarisiert. Menschen stören kaum dabei, es sind ihrer ohnehin knappe 800 000 auf der vierfachen Fläche von Bayern. Die meisten leben im Tal des Rio Grande, eine halbe Million in Albuquerque und Umgebung, 60 000 oder ein paar mehr in der Landeshauptstadt Santa Fe, der Rest über die immensen Hochflächen verstreut; die Indianer sieht man ohnehin nicht. So sind die riesigen Horizonte leer, beeinträchtigt nichts das Himmelsspektakel, den kosmischen Ablauf, weder die Tankstellenzivilisation längs der Autobahn noch die auf Rädern wegziehbaren Behelfsorte und schon gar nicht die Schaf- und Ziegenherden im Salbeiduft zwischen Wacholder und Wüstengestrüpp. Tafelberge und eisenerzrote Kegelstümpfe ringsum lassen an Landeplätze von Außerirdischen denken. Sonst ist alles ausgeblaßt, begrenzt von gelbweißgrauen Bändern, in der Ferne vom Hochgebirge.

Gegen Abend wird die Natur ihrer Einförmigkeit überdrüssig; nun changiert die Bergbarriere, auf die man endlos zufährt, von Gelb, Grün und Rostrot zu Blau, Rosa und Grauviolett. Wolkenbänke liegen wie obere Etagen auf den Bergen, und diese gleichen im Glast dem verknitterten Sandpapier neugotischer Weihnachtskrippen. Beim Anflug auf Albuquerque monopolisierten Golfplätze das wenige Grün. Alles glänzt mineralisch an diesem strahlenden Herbstende, welches die Bäume längs dem Flußbett gelbrot und bronzen aufflammen läßt. Warum kam man in diese Wüste? Gewiß nicht, um Winnetous Erben zu sehen, obschon sein besticktes hirschledernes Jagdhemd hier in jedem Indianermuseum hängt und die Apachen in nahen Reservaten leben, wenn man ihren lethargischen Zustand als Leben bezeichnen will. Keiner Indianerriten wegen unternahm man den Zweitausendmeilenflug in den Wilden Westen, sondern um ein zeitgenössisches Ritual nachzuvollziehen, das erste vielleicht, welches sich die Nach-Moderne seit dem Absterben der Indianerkulturen gegeben hat, nicht ohne Berührungspunkte mit einstigen Zeremonien in den Pueblos.

Es geht um jenes "Lightning Field", welches Walter De Maria 1977 auf einer Hochebene im nordwestlichen Neu-Mexiko installiert hat. In der Bundesrepublik bekam der 45jährige Künstler viel Presse, als er anläßlich der Spiele von 1972 plante, den Schuttberg auf dem Olympiagelände in München zu durchstechen, um sozusagen symbolisch die jüngste Geschichte, der Deutschen bloßzulegen. Auch jener Messingstab, den er vor dem Kasseler Fridericianum in die Erde versenkte, machte ihn über die Fachwelt hinaus bekannt. De Maria gehört zur strengen Linie der amerikanischen Land Art. Konzepte werden von ihm über Jahre mit mathematischer Präzision entwickelt und entweder gar nicht oder ohne Abstriche, unter optimalen technischen und finanziellen Voraussetzungen verwirklicht. Als Plan entstand das "Blitzfeld" bereits 1969 unmittelbar nach der Metallplastik "Nagelbrett", mit der es die nach oben starrenden Spitzen teilt. Realisiert werden konnte es erst in den siebziger Jahren, als sich in New York die mäzenatisch dotierte "Dia Art Foundation" zwecks Erstellung und Unterhalt seiner Werke konstituierte. Und auch dann noch benötigte Walter De Maria fünf Jahre, bis er in den Wüstenstaaten des amerikanischen Südwestens ein geeignetes Gelände zum Kauf angeboten fand, das in gewitterreicher Gegend, abgelegen, einigermaßen flach und teilweise von Bergen hinterfangen war.

Durch Einöden zum Heiligtum