ARD, Donnerstag, 8. April, 23.00 Uhr: „Sir William Walton“, Porträt von Tony Palmer

Der alte Herr kramt umständlich in den Taschen seiner Hausjacke: „Ah, these glasses – diese verflixten (verschiedenen) Brillen.“ Schließlich ist er an einer ganz wichtigen Stelle der Skizze angekommen, wo das Thema im Tempo anzieht; da muß man schon ganz genau hingucken können, sonst ist es vorbei, ehe man überhaupt weiß, wo man denn eigentlich ist. Der alte Herr ist Komponist.

Der nur ein bißchen jüngere Herr, sonst sehr distinguiert, gerät ins Schwärmen: „Was er von sich gibt, ist ungefähr das Lebendigste, was man sich vorstellen kann. Er liebäugelt jetzt mit seinem Alter, ist etwas exzentrisch, aber das macht er großartig.“

Und wieder der Senior: Sein wichtigstes Werkzeug sei sein Radiergummi, ohne den könne er gar nicht existieren; denn das ganze Leben lang habe er immer wieder ausradiert, was er niedergeschrieben habe. Was nicht ganz stimmt, denn eine Menge Ist stehen-geblieben. Wer dies von wem sagt, wer da später welches Stück spielt oder singt, bleibt uns den ganzen Film über so gut wie verborgen, Aber es ist auch gar nicht so wichtig.

Porträts von Musikern, von Künstlern – man kennt ja das Rezept: ein Häppchen vom originalen Meisterwerk, ein Abschnittchen aus der Biographie, ein kleines Bekenntnis zu einem allgemeinen Problem, und das in ständigem Wechsel – die Gesamtlänge ist allenfalls abhängig von den bewilligten Produktionskosten.

Tony Palmer erhielt von der britischen Weekend Television und dem Kölner WDR offenbar eine hübsche Summe unter der Voraussetzung, es ein bißchen anders zu versuchen. Wesentlicher Erfolg: Wer an diesem Gründonnerstag die altchristliche Nachtwache vor dem Bildschirm praktiziert, erhält zwar keine Bildschirm Fakten über Zahl und Struktur und Probleme und Prinzipien in den von Sir William Tuner Walton komponierten Stücken; wohl aber lernt er diese Musik lieben – weil er den Menschen zu mögen anfängt, der diese „neuromantischen“ Melodien schrieb. Und er begreift, daß über so Ernstes wie Musik auch heiter gesprochen, über so Heiteres wie Musik auch eine ernst zu nehmende Bild-Collage gelegt werden kann, ohne daß der Sonnenuntergang kitschig, die Blumenrabatten idyl-Esch wirken müssen.

At the haunted end of a day – am immer wiederkehrenden Ende eines Tages: Cressida, Geliebte des Priamos-Sohnes Troilus, singt in Waltons Oper die so betitelte Arie vor ihrem Opfertod. Das Thema, ein Ritornell, das in Abwandlung auch in anderen Werken Waltons wiederzukehren scheint, steht für die Lebenskraft des britischen Komponisten, der am 29. März 80 Jahre alt wurde – ungebrochen in seinem Humor, obwohl man ihm einen krebsgeschädigten Lungenflügel herausoperierte, obwohl die Augen nachlassen, die Beine offenbar kaum mehr wollen; ungebrochen in seinen Erinnerungen, die hier wie in filmischen Rückblenden realisiert werden; ungebrochen in seiner Phantasie, die immer noch Melodien zustande bringt, die ein tiefes Herz voller Empfindungen verraten; ungebrochen in seiner Freundlichkeit einer Mitwelt gegenüber, die ihn über alle Maßen verehrt.

Kunststück, sagen spöttische Neider: in der hinreißenden Kulisse von Ischia (am Hang bei Sant’ Angelo, würde ich meinen), zwischen üppigem Tropen-Grün und umgeben von einer exzellent aussehenden, klug formulierenden und offenbar nur für ihn sich sorgenden Argentinierin kann sich eigentlich nur gut und erfolgreich komponieren lassen. Die Bilder verraten: mit dem Buchstaben-Schreiben haben wir offenbar doch den falschen Beruf gewählt. Heinz Josef Herbort