Warum Bundeskanzler Helmut Schmidt zurücktreten sollte

Einmal möchte man morgens die Zeitungen aufschlagen und nicht lesen:„Neuer Streit in der Koalition“, „Genscher wütend über Schmidt“, „Glotz stellt Verheugen richtig“, „Die Koalition – hält sie oder fällt sie?“ Die Koalitionspartner könnten nicht mehr zerstritten sein.

Einmal möchte man abends die Nachrichten seien und nicht vernehmen: „Eppler macht Front gegen Schmidt“, „Klose: Der Kampf (mic Schmidt) geht nach dem Parteitag (der SPD 19./23. April) weiter“, „Coppik und Hansen aus der SPD ausgetreten“, „Die SPD-Linken für Zusammenarbeit mit den Grünen“, „Dohnanyi: Die Grünen existieren überhaupt nicht“. Die SPD ist zerstritten wie noch nie. Die FDP aber?

Minister Baum war auf dem „Gruppen“-Treffen der FDP in Köln – hat aber nicht geredet. Ein paar Tage später hat er das Treffen dann kritisiert – vorsichtig, vorsichtig, man weiß ja nicht, wohin der Apfel rollt. Oder (in ein und derselben Nummer einer Zeitung): „Genscher sucht Fühlung zur CDU“, und: „Frau Schuchardt (Hamburg) ruft nach dem Bündnis mit der SPD.“ Atomkraft ist für die eine Hälfte der FDP-Leute teuflisch, für die andere Hälfte die Rettung aus der Energienot. Die Vereinigten Staaten sind für die linke FDP nur noch ein Reizwort –Genscher (wie Schmidt) beschwört das Bündnis. – „Die FDP“ gibt es nicht mehr, es gibt eine linke FDP und eine rechte, die nichts miteinander zu tun haben.

Verkniffene Parteifreunde

Von den großen Drei der SPD ist Herbert Wehner vor Entsetzen über Streit und Zerfall versteinert. Wenn die beiden anderen sich wenigstens in der Öffentlichkeit wie Parteifreunde benehmen würden. Aber man sehe einmal im Fernsehen, wenn Schmidt im SPD-Fraktionssaal sich neben dem dort schon sitzenden Willy Brandt niederlassen will: Schmidt bemüht, bittend, Brandt den Mund verkneifend, den Blick starr vor sich auf den Tisch. Nein, die mögen sich wirklich nicht mehr.

Die Führung des Staates ist leichter, wenn nur eine Partei regiert. Zwei Regierungsparteien können Streit miteinander bekommen – der muß beigelegt werden, soll die Regierung Autorität behalten. Streit innerhalb einer Regierungspartei kommt selten vor; der muß ganz schnell beigelegt werden – Flügelkämpfe sind dem Bürger unerträglich. Aber beides: Flügelkämpfe bei beiden Regierungsparteien und dazu noch gehässig ausgetragener Streit zwischen ihnen – das übersteht keine Regierung.