Rudolf Judith – ein Gewerkschafter als Krisenmanager an der Ruhr

Von Heinz-Günter Kemmer

Berthold Beitz hat unter den Gewerkschaftsbossen so eine Art Ersatz für den vor zehn Jahren verstorbenen IG-Metall-Vorsitzenden Otto Brenner gefunden. Es ist – angesichts des Betätigungsfeldes von Krupp nicht verwunderlich – wieder ein Metaller: Rudolf Judith, hauptamtliches Vorstandsmitglied der größten deutschen Einzelgewerkschaft.

Zwar spricht der Krupp-Verweser noch nicht – wie bei Otto Brenner – von „meinem Freund“, aber er lobt die klare und konsequente Haltung Judiths in höchsten Tönen. Nicht anders sieht es bei Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff aus, der den Gewerkschafter als den Mann bezeichnete, der bei der Neuordnung der Stahlindustrie das klarste Konzept habe. Und auch die Stahlbosse an der Ruhr ziehen den Hut vor dem Mann, der schon von der Funktion her in vielen Fällen ihr Widerpart ist.

Im Frankfurter Hauptquartier der IG Metall sucht man den vielgepriesenen Judith freilich vergeblich. Sein Schreibtisch steht in Düsseldorf. Die IG Metall unterhält dort seit langen Jahren einen vorgeschobenen Posten, besetzt mit einem hauptamtlichen Vorstandsmitglied, das sich im besonderen Maße um die Stahlindustrie und die Montanmitbestimmung kümmert. Da es auch zu den Aufgaben des jeweiligen Düsseldorfer „Herzogs“ der IG Metall gehört, die Arbeitsdirektoren für die Stahlindustrie auszugucken, haben sie den Beinamen „Königsmacher“ erhalten.

Die Montanmitbestimmung wie einen Nibelungenschatz zu hüten, war lange Zeit die vornehmste Aufgabe der Düsseldorfer Statthalter. Das galt zu Beginn seiner Tätigkeit auch für Rudolf Judith. 1972 wurde er inthronisiert, und im Rückblick stellt er fest: „Ich habe eigentlich nur zwei schöne Jahre gehabt, 1973 und 1974.“ Von 1975 an ging es mit der Stahlindustrie bergab und für Judith war „nach ganz kurzer Zeit zu erkennen, wie tief der Abgrund war“.

Judiths „Karriere“ – er würde dieses Wort wohl nicht mögen – verlief ganz so, wie man sich das bei einem Gewerkschaftsführer vorstellt. Er wurde 1925 in Danzig geboren – seine Sprache verrät das noch heute. Natürlich war der Vater Arbeiter, die Familie kinderreich. Und natürlich galt der Vater bei den Nazis als politisch unzuverlässig – dem Sohn blieb die Höhere Schule verschlossen.