Von Heinrich August Winkler

Die Vorgeschichte des 30. Januar 1933 muß wieder einmal umgeschrieben werden. Zwar scheint es so, als gehörten die letzten Monate vor Hitlers Machtübernahme zu den am besten erforschten Kapiteln der neueren deutschen Geschichte. Zumal über die Rolle, welche die Unternehmer beim Aufstieg des Nationalsozialismus gespielt haben, gibt es mittlerweile wahre Berge an Literatur. Dennoch ist das, was der junge Marburger Historiker Reinhard Neebe zu diesem Thema herausgefunden hat, teilweise geradezu tionell zu nennen:

Reinhard Neebe: „Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933. Paul Silverberg und der Reichs verband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik“; Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1981; 314 S., broschiert, 64,– DM.

Neebes „Held“ ist einer der führenden Industriemanager Deutschlands: Paul Silverberg, 1876 geboren, aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammend, aber von seinen Eltern christlich getauft, war seit 1908 Leiter der Rheinischen Aktiengesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation, seit 1914 zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des neugebildeten Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats. In der Weimarer Republik stieg er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsverbandes der Deutschen Industrie auf.

Gewöhnlich wird Silverberg als Vertreter des gemäßigten Flügels der deutschen Schwerindustrie porträtiert. Eine Rede, die er im September 1926 vor dem Reichsverband der Deutschen Industrie in Dresden hielt, gilt als klassisches Dokument großbürgerlicher Realpolitik: Silverberg versicherte damals, für viele überraschend, das deutsche Unternehmertum stehe „restlos auf staatsbejahendem Standpunkt“, und er verlangte, was noch erstaunlicher wirkte und in der Großindustrie auch weiterhin heftig umstritten blieb: die Sozialdemokratie müsse im Reich wieder mitregieren.

Das Bild vom „liberalen“ Silverberg wird sich jedoch nicht halten lassen. Denn Neebe hat etwas entdeckt, was mit dieser Vorstellung schlechterdings unvereinbar ist: Außer Fritz Thyssen hat kein deutscher Großindustrieller so zielstrebig die Kanzlerschaft Adolf Hitlers gefördert wie Paul Silverberg. Seinegroße Wandlung, wenn es denn eine war, kam im Sommer 1932. Bis dahin war die Sozialdemokratie aus seiner Sicht die Massenbewegung, die trotz oder gerade wegen ihres verbalen Antikapitalismus die Arbeiterschaft an das kapitalistische System band. Nach den großen Wahlerfolgen der NSDAP schaltete Silverberg um. Nicht mehr die SPD, sondern die Partei Hitler? sollte die Massenbasis stellen, derer das privatwirtschaftliche System bedurfte.

Seit dem August 1932 tat Silverberg alles, was in seinen Kräften stand, um Hitler den Weg in die Reichskanzlei zu ebnen. Dazu gehörten auch Geldzahlungen an die NSADP. Im November 1932 empfing der Führer der Nationalsozialisten im Berliner Hotel „Kaiserhof“ zwei persönliche Beauftragte Silverbergs, die Hitler die wirtschaftspolitischen Anliegen der Großindustrie darlegen und seine Meinung hierzu einholen sollten. Einen politischen Hitlers bekamen die Abgesandten auch zu hören. Sie selbst aber konnten lediglich eingangs das Lob ihres Auftraggebers singen, der nur einen einzigen Fehler habe, nämlich den, ein „Judenabkömmling“ zu sein.