Von Winfried Scharlau

Bangkok versinkt und wird an seinen Umweltproblemen zugrunde gehen. Dies ist eine womöglich richtige Feststellung, jagt aber nur jenen Schauder über den Rücken, die nicht in Bangkok leben.

Die Lage ist ernst, und sie soll auch nicht beschönigt werden. Dennoch scheinen die Thais entschlossen, sich von der drohenden Gefahr nicht erschrecken zu lassen. Die Stadt hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Noch immer geben sogar die Slumbewohner den überraschten Soziologen zu Protokoll, daß sie ihren armseligen Platz am Stadtrand nicht mehr gegen eine Existenz im dörflichen Thailand eintauschen wollen. Das Glück der Thais wird offenbar durch die Umwelt nicht wesentlich beeinträchtigt.

Auch den in Bangkok lebenden Europäern scheinen die Zivilisationsschäden keine Depressionen zu verursachen. Die Lebensverhältnisse haben sich im Laufe der Jahre verändert, zumeist verschlechtert; die Entschlossenheit und Fähigkeit der Fremden, „Fahrang“ werden sie genannt, sich in Bangkok wohl zu fühlen und den besonderen Charakter der Stadt zu genießen, ist dadurch nicht gemindert worden.

Auch jene, die nicht in Bangkok leben, aber viele Male im Jahr in die Thai-Metropole reisen, verspüren Euphorie, wenn sie in die Stadt hineinfahren, wieder eintauchen in das Chaos. Die Faszination ist schwer zu ergründen. Sie muß indes zu tun haben mit der Eigentümlichkeit der Thai-Gesellschaft, die das Klima der Stadt prägt.

Ihren privaten Bereich haben die Thais verteidigen können gegen jedwede Reglementierung und Disziplinierung. Sie leben entschlossen autonom und nehmen die Bürde der sozialen Verantwortung leicht. Bangkok hat strenge und milde Militärdiktaturen erlebt, die allesamt den Freiheitsraum der Bürger nicht haben beschneiden können oder mögen.

Die Freiheit hat viel Facetten. Ihre private und gesellschaftliche Seite ist in Thailand immer für wertvoller erachtet worden als die politische. Der Ausdruck mai pen rai kennzeichnet dieses besondere Lebensgefühl. „Macht nichts“, „never mind“, lautet die sinngemäße Übersetzung. Mai pen rai, wenn der Zeitplan durcheinander gerät, wenn alles schiefgeht und die Mühe vergeblich war, wenn die Liebe zerbricht oder Gefahr heraufzuziehen scheint: Die Menschen sind entschlossen, Zwangsläufigkeit nicht zu akzeptieren, viele Möglichkeiten offenzulassen, auch die, sich davonzustehlen und im weiten Lande zu verschwinden.