Von Dieter E. Zimmer

Was auch immer Edles er von sich halten mag: der Mensch ist ein Raubtier. Er jagt seine Beutetiere nicht mehr, oder nur noch manchmal und zum Vergnügen – er „hält“ sie, beutet sie aus, tötet sie bei Bedarf. Das Beutemachen wurde ganz an den Rand der Gesellschaften verlegt. Wer ein Schnitzel brät, denkt nicht daran, daß andere für ihn einen Paarhufer abgestochen haben; wer sein Frühstücksei aufpickt, daß dafür einem Urwaldvogel das Gelege ausgeraubt wurde. Von den räuberischen Grundlagen seines Lebens ahnt der Stadtmensch kaum noch etwas, will er auch gar nichts mehr wissen.

Wo er noch an Tierhaltung denkt, hat er die sanften Bilder von Reklame und Kinderbüchern vorm Auge: Kühe mit ihren Kälbern auf der grünen Weide, den Hahn, der den Bauern morgens aus dem Schlaf kräht. Mit der Tierhaltung, die sich seit etwa 20 Jahren ausgebreitet und so gut wie vollständig durchgesetzt hat, haben diese Bilder nichts mehr zu tun. Aus der landwirtschaftlichen Tierhaltung ist ein Wirtschaftszweig geworden, regiert vom ehernen Gesetz allen Wirtschaftens: mit dem geringsten Einsatz von Kapital und Arbeitskraft einen maximalen Wert zu erzeugen.

In diesem Produktionsprozeß sind unsere ehemaligen Nutztiere zu Fabriktieren geworden: anfällige, aber unerläßliche Roboter, die möglichst kostengünstig und wartungsfrei pflanzliches Futter in tierisches Eiweiß umsetzen, „Tiermaschinen“, wie die britische Ökologin Ruth Harrison sie 1964 in ihrem gleichnamigen Buch nannte. Die Umwandlung des Bauernhofs unserer kindlichen Vorstellungen in Agrarfabriken hat den Abstand des normalen Essers zum Ursprung seiner Nahrung noch einmal vergrößert.

Der Mensch hat sich einige Tiere zu Gefährten auf seinem Weg in die Zivilisation gemacht, hat sie gezähmt und gezüchtet, also über Generationen hin nach seinen Bedürfnissen genetisch umgebaut. Sie leben in dieser Zahl und in dieser Form nur, weil und solange sie ihm Nutzen bringen. Tierschutz ist immer nur eine relative Sache; letztlich schützt der Mensch seine Beutetiere ebensowenig, wie jedes andere Tier sie schützt. Die Frage ist nur, wie glimpflich er sie behandelt, bis er sie verzehrt.

Wer vor diesen Tatsachen die Augen verschließt, belügt sich; auch, wer meint, die Menschenmilliarden, die die Erde immer dichter besiedeln, ließen sich ohne intensiven Pflanzenanbau und intensive Tierhaltung ernähren. In der Bundesrepublik zum Beispiel werden im Jahr 17,8 Milliarden Hühnereier verbraucht. Das sind 289 Eier pro Kopf. Jeder Deutsche hat sozusagen 1,2 Hennen, die für ihn legen. Hintereinander aufgereiht, bildeten die jährlich von den Deutschen verspeisten Eier eine fast eine Million Kilometer lange Kette – oder ein 180 Quadratkilometer großes Omelett. Wenn uns die Intensivhaltung unsympathisch ist, müßten wir auch bereit sein, einen viel höheren Preis für jedes Ei zu zahlen. Das Ei eines „natürlich“ lebenden Huhnes, das frei auf einem Stück Land herumtuckte und im Winter zwar fräße, aber nicht mehr legte, müßte 50 Pfennig bis eine Mark kosten. Und es wäre ohne Dienstverpflichtung in der Landwirtschaft in den jetzigen Mengen gar nicht zu beschaffen.

Seit der ökologische Gedanke an Boden gewonnen hat, ist vor allem die Käfighaltung von Legehennen (in den 20er Jahren in den USA entwickelt, in Deutschland in den frühen 60ern eingeführt) ein ständiger Streitgegenstand gewesen. Hühnerhalter und ihre Interessenverbände, Landwirtschaftsministerien, die Parlamente, die Agrarbürokratie der Europäischen Gemeinschaft, Agronomen, Verhaltensforscher, Tiermediziner, Tierschützer, Verbraucher und Verbraucherverbände, in zunehmendem Maß auch Juristen – alle haben sich immer und immer wieder mit der Frage beschäftigt: Ist die Käfighaltung Tierquälerei? Außenstehende können sich keinen Begriff machen, mit welcher Erbitterung und Giftigkeit diese Kontroverse geführt wird. Kein Wunder, denn in dieser Frage bekriegen sich die beiden wahren Leidenschaften der Deutschen: die Liebe zum Geld und die Liebe zum Tier.