ZDF, Mittwoch, 31. März: „Gelobt sei Jesus Christus und die Revolution“, Bericht über die Kirche in Nicaragua, von José Luis Rouillon und Bernd Grote

Momentaufnahmen in Nicaragua. Januar 1982: Christen bekennen sich zur sandinistischen Revolution. Einfache Leute beschwören den Jesus des Volkes, den Verteidiger der Armen, den Heilsbringer, der den Ausgebeuteten die Würde des Gotteskinds gebe. Von Erneuerung ist die Rede, von Reformation im Geist und im Fleisch. Die große Alphabetisierungs-Kampagne sieht sich in Beziehung zu umfassender Emanzipation gesetzt: Nicht nur Marx, auch die Bibel sei jetzt in Bauernstuben zu lesen. Nicaragua, sagt einer, der sich, für viele sprechend, zugleich als Christen und Sozialisten versteht, Nicaragua, das ist die Hoffnung der Welt.

Momentaufnahmen in Nicaragua. In Kirchen debattieren Angehörige von Basisgemeinden und bekennen sich zu den Revolutionären, die, im Kampf gegen die Unterdrücker, ein Beispiel praktischen Christentums gegeben hätten. Dialog heißt das Zauberwort, offene Diskussion: der Kampf sei vorbei, die Stunde des Gesprächs endlich gekommen. Gespräch? Von gleich zu gleich? Die Momentaufnahmen machen deutlich, daß es in Nicaragua Machtgruppen gibt, die, eingeschworen auf eine hierarchische Gliederung der Gesellschaft, dazu nicht bereit sind: Der Erzbischof von Managua habe keine Zeit zu Debatten, sei aber für jedermann zu sprechen, besuche auch die Armenviertel und spende den Segen. Paternalismus im revolutionären Nicaragua. Der Erzbischof rückt nicht ins Bild; statt dessen läßt sein Pressesprecher Diplomatisches verlauten. Der Überfeine selbst hüllt sich in Schweigen.

Momentaufnahmen in Nicaragua. Ein reicher Mann spricht von den kleinen Schlangen in der Brust, die sein Gewissen wachgebissen hätten. Kubanische Lehrerinnen, sorgsam bewacht, sprechen die Namen katholischer Heiliger aus. Religion, sagt ein Marxist, kann befreiend wirken, wenn sie aufhört, die Interessen der Unterdrücker ideologisch zu sichern – befreiend, da sich die Ausbeutung und deren Gesetze auch von der Bibel, also von unten her, verstehen lassen.

Momentaufnahmen in Nicaragua. Ein Hauch von Brechtscher Freundlichkeit, Bewegende Bilder: Betende Frauen, nachdenkliche Gesichter, ernstes, von zungenfertigem Optimismus weit entferntes Gesprach, eher fragend als Antworten artikulierend. Der Betrachter am Bildschirm vergleicht die Worte und Gesten, das Langsame, beinahe Meditative, das den Reden der Bauern, Politiker und Priester ihren unverwechselbaren Akzent gibt, mit dem eifernden Fanatismus der siegreichen Rechten von El Salvador: Unter welchen Bedingungen, überlegt er sich, hätte das in Nicaragua tätige Kamera-Team dort, wo nicht Sandkasten, sondern Christdemokraten regieren, filmen können? Aber er überlegt auch: Ganz so einfach ist das nicht, mit der Unterteilung von böser Amtskirche und guter Basis-Gemeinde. Es gab schließlich auch einen Oberhirten namens Romero – und der wurde von den Wahlsiegern in El Salvador ermordet. Widersprüche im mittel- und südamerikanischen Klerus: die hätte man sich ein bißchen exakter artikuliert gewünscht, dem Thema der Sendung entsprechend. Ein Gespräch mit Dom Helder Camara, zum Beispiel, über die Antagonismen innerhalb der lateinamerikanischen Kirche – ein Gespräch, das dem Punktuellen seinen Stellenwert gegeben hätte: das habe ich vermißt.

Momentaufnahmen: gut und schön. Aber sie wollen eingeordnet, in Bezug zum Nichtgezeigten gesetzt und, im Hinblick aufs widersprachreiche Ganze relativiert werden. Schnappschüsse ohne Kommentar? Das Besondere ohne Verweis aufs Allgemeine? Nein, das ist zuwenig.

Momos