Bonner Gerüchte: Keine Hilfe für den Kanzler

Von Dieter Buhl

Die geplanten Umbesetzungen in der Bundesregierung machen zumindest eines klar: Helmut Schmidt ist entschlossen, den Kampf um den Bestand der sozial-liberalen Koalition mit allen Mitteln fortzusetzen. Nach seinen gelegentlichen Anflügen von Resignation, nach den – auch krankheitsbedingten – Halbherzigkeiten beim Regieren beseitigt er damit die Zweifel an seinem politischen Überlebenswillen. Der Kanzler will das Steuer noch einmal herumreißen. Die Frage ist nur: Wann?

Schon die Terminspekulationen entwerten freilich das Vorhaben. Ein Revirement muß wie ein Blitz einschlagen, muß, unerwartet und schnell die Luft reinigen. Die Engländer haben uns diese Woche vorexerziert, wie man Minister schnell und achtunggebietend ersetzt. In Bonn kann davon längst keine Rede mehr sein. Die zögerliche Dramaturgie der Umbildung führt der Öffentlichkeit bloß zu deutlich die Ermattung im Regierungslager und den schwindenden Spielraum des Kanzlers vor Augen. Statt befreiendem Aufatmen provoziert Helmut Schmidts bevorstehender Kraftakt bislang nur mitleidiges Kopfschütteln. Soll hier etwa versucht werden, noch einmal die Liegestühle auf dem Sonnendeck der Titanic zurechtzurücken?

Doch nicht einmal aufkeimende Panik in Bonn könnte die Bösartigkeiten entschuldigen, die sich dort jetzt die politischen Heckenschützen einfallen lassen. Eines ihrer prominentesten Opfer ist der Sprecher der Bundesregierung. Die ZEIT hat ihren ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren bewußt aus ihren Schlagzeilen gehalten. Was aber dem großen Journalisten und souveränen Regierungssprecher Kurt Becker jetzt zugemutet wird, eine schleichende Hinrichtung per Gerüchte-Guillotine, verstößt gegen Anstand und Fairneß. Da werden nicht die Urheber, es wird der Verkünder einer wenig überzeugenden Politik gebeutelt; da soll einer vom Schlitten, weil die Wölfe in der Baracke heulen; da wird Loyalität zum Kanzler von seinen innerparteilichen Widersachern mit Kleinkariertheit vergolten; da gerät auch des Kanzlers eigener Treuebegriff ins Zwielicht.

Geschrumpftes Führungsreservoir

Das erbärmliche Vorspiel läßt kaum Wunder von der Regierungsumbildung erwarten. Ohnehin: Nur die Alternative zur jetzigen Bonner Koalition kann sozial-liberale Wähler noch zum Wunderglauben verführen. Vielleicht hat Schmidts Plan vorerst wenigstens diese Wirkung: den Münchner SPD-Parteitag zur Geschlossenheit zu bewegen. Der Kanzler will auf jeden Fall weiterkämpfen? Das müßte doch die Mehrheit seiner Genossen dazu bringen, ihre Nörgeleien zu beenden und ihm den Rücken zu stärken.