München: „Der 1. Weltkrieg – Vision und Wirklichkeit“

Max Klingers Kassandra, die bronzene Halbfigur der Seherin ist um 1895 entstanden, ist völlig ahnungslos – Unter der faltenlosen Stirn der eleganten jungen Dame formen sich nicht Visionen des kommenden Schreckens. Alfred Kubin, der in seinen Darstellungen die Themen Krieg und Macht nebeneinanderstellte, war am Jahrhundertbeginn hellsichtiger, er sah am Horizont das „Grausen“ (so der Titel eines Blatts) aufziehen. Den Irrwitz der sinnlosen Materialschlachten konnte er ebensowenig voraussehen wie andere, die sich bei Kriegsausbruch dann freiwillig meldeten. Der Sanitäter Max Beckmann war anfangs fasziniert von den Szenen im Lazarett („Schön sind die Ansammlungen im Operationssaal, mit den dunkelverwilderten Gesichtern, den großen Barten und den weißen Verbänden“), später erlitt er einen Nervenzusammenbruch und wurde aus dem Kriegsdienst entlassen. Auch George Grosz, der sich vom Krieg eine Befreiung des Menschen erhofft hatte, erkannte bald, daß es sich lediglich um einen „Aufstand der Irren“ (1915) handelte, der zum „Zusammenbruch der bürgerlichen Welt“ führte. Die Erwartung, der Weltkrieg werde sich als ein reinigendes Gewitter erweisen, nach dem ein neues Europa entstände, hat wohl keiner genauer als Illusion entlarvt als Otto Dix. Der realistische Beobachter hat gesehen, daß das ärmliche und erbärmliche Häuflein Mensch, das für dümmliche Ideologien auf den Schlachtfeldern verblutete, zu einer Wiedergeburt gar nicht fähig war. Kein Wunder, daß der Italiener Alberto Martini, der den Wahnsinn des Krieges in einer „Europäischer Totentanz“ genannten Serie adäquat geschildert hat, schließlich selbst im Wahnsinn endete. Seine Landsleute, die Futuristen, waren anderer Meinung: „Der Krieg ist schön“, schrieb Marinetti in einem Manifest, das einen weiteren Krieg feierte, den Mussolinis in Äthiopien, „weil er eine blühende Wiese um die feurigen Orchideen der Mitrailleusen bereichert.“ Diese Bemerkung könnte sich durchaus beziehen auf Giacomo Bellas zweiteiligen Paravent „Linie der Geschwindigkeit + Landschaft“ (1916/17) – Ballas abstrakte Formen lassen sich ohnes weiteres so deuten. Walter Benjamin hat aus dieser Ästhetisierung der Politik den Schluß gezogen, die Selbstentfremdung der Menschheit habe jenen Grad erreicht, „der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuß ersten Ranges erleben läßt“. Mancher Künstler hat wohl auch zu spät gemerkt, daß er in Erwartung dieses Erlebnisses in den 1. Weltkrieg gezogen ist. (Galerie Pabst bis Mai; Katalog 20 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Die Pferde von San Marco“ (Martin-Gropius-Bau bis 25. 4., Katalog 25 Mark)

Coburg: „Zeichnungen alter Meister aus polnischen Sammlungen“ (Kunstsammlungen Veste Coburg bis 25. 4., Katalog 20 Mark)

Frankfurt: „Christo – Projekte in der Stadt 1961-1981“ (Städelsches Kunstinstitut/Städtische Galerie bis 12. 4., Katalog 20 Mark)