Stuttgart, das Alexander von Humboldt noch zu den sieben schönsten Städten der Erde zählen konnte (damals stand noch kein Versicherungspalast vor der Marienkirche), geriet nicht spürbar in Wallung durch den PEN-Club, der vom 1. bis 4. April seine Jahrestagung dort abhielt.

Drei bis vier Dutzend Menschen waren am Eröffnungsabend ins Gustav-Siegle-Haus geströmt, mehr als die Hälfte davon treue Kollegen. Die Einheimischen ließen sich die Gelegenheit entgehen, Richard Hey aus einem Zeitungsartikel und einem Kriminalroman, Kay Hoff Gedichte und Hermann Lenz aus einer Erzählung lesen zu hören.

Am Freitag ging es dann an den Kern des Club-Innenlebens: Mitgliederversammlung in der Liederhalle, mit erstens Eröffnung, zweitens Begrüßung durch den Präsidenten, drittens Geschäftsbericht des Generalsekretärs, viertens Kassenbericht des Schatzmeisters, fünftens Bericht der, Kassenprüfer, sechstens Diskussion der Berichte, siebtens Entlastung des Vorstands, achtens Neuwahlen des Präsidiums und der Kassenprüfer, neuntens Anträge von Mitgliedern, zehntens Verschiedenes. Das war alles so aufregend wie ein Sommernachmittag im Seniorenheim.

Nach sechsjähriger Amtszeit trat Walter Jens, dem es gelungen ist, den 1976 noch arg zerstrittenen und umstrittenen Club zurück zur Literatur und damit zu einer neuen Gelassenheit zu führen, als Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland zurück: „Es ist dann gut zu gehen, wenn die Dinge freundlich stehen“ (Jens). Die Würde eines Ehrenpräsidenten bleibt ihm, aber steht ihm nicht.

Die Wahl des Nachfolgers schien vorprogrammiert. Der Versuch, mehrere Kandidaten zur Wahl zu stellen, scheiterte an der Weigerung von fünf Mitgliedern, die dafür vorgeschlagen worden waren. So blieb als einziger wählbarer Kandidat Martin Gregor-Dellin. Als kompetenter und immer bemühter Generalsekretär hatte er sich das Vertrauen einer Mehrheit erworben: 69 von 90 anwesenden Wahlberechtigten gaben ihm ihre Stimme.

Der Fünfundfünfzigjährige aus Naumburg an der Saale, der heute als freier Schriftsteller in der Nähe von München lebt, schrieb Romane und Erzählungen, wurde jedoch einem größeren Publikum in letzter Zeit bekannt durch seine Biographie Richard Wagners.

Als das Amt des Generalsekretärs besetzt werden mußte, gab es eine richtige Abstimmung und einen nicht allgemein erwarteten Sieger. Der PEN-Neuling Hanns Werner Schwarze, dem Fernsehpublikum bekannt als Verantwortlicher für die ZDF-Sendereihe „Kennzeichen D“, wurde dem langjährigen Schatzmeister Gerd E. Hoffmann vorgezogen. Hoffmann wurde dafür ohne Gegenstimmen wieder zum Schatzmeister gewählt, der zwar keine großen Schätze zu verwalten hat, aber immerhin auch keine Schulden.