Von Hannelore Wordell

Der Zufall hat mich eines Tages mit dem elfjährigen G. bekanntgemacht, der dieselbe Klasse einer ländlichen Schule besucht wie mein Sohn. Einige Zeit später erzählte mir G., daß seine Eltern taubstumm seien.

Es klang wie ein Geständnis, so als ob er sich schämte. Gleichzeitig stand Trotz in seinem Gesieht, und er sagte: „Es sind die besten Eltern von der Welt! Und weil sie nicht hören und sprechen können, sind sie noch lange keine Idioten.“ Mein Versuch zu trösten – „Leute, die so etwas denken, sind ganz schön dumm!“ –, half nicht viel. G. hat hier, auf dem Lande, wohl andere Erfahrungen mit seinen Mitmenschen gesammelt. Wie sollte er mir da glauben. Ich begann, über die Situation dieser Eltern nachzudenken: Ein Kind zu erziehen, ist eine nicht eben leichte Aufgabe. Erziehung, im Grunde ein ewiges Gespräch, ein ständiger Schlagabtausch aus Frage und Antwort – wie sollte es möglich sein, dabei ohne die Fähigkeit des Hörens und Sprechens auszukommen?

G. war fortan fast täglich nach der Schule bei mir. Er ging, wann es ihm gefiel, stand manchmal schon morgens in aller Herrgottsfrühe vor der Haustür. Seine Eltern konnten unmöglich davon wissen.

So faßte ich mir an einem frühen Abend ein Herz und ging durch das Schneegestöber zu ihnen, um mich vorzustellen, zu berichten und zu erklären. Mir war beklommen ums Herz. Würden sie meinen Kontaktversuch als ein neugieriges Eindringen in ein schweres Schicksal empfinden? Dann sagte ich mir, daß die Eltern ein Anrecht darauf hätten zu erfahren, wo ihr Sohn seine Freizeit verbringt.

Sehr aufgeregt stand ich dann vor dem Einfamilienhaus, in dieser kleinen Straße mit den Siedlungshäuschen. Meinen Sohn hielt ich an der Hand, er war schon einmal in diesem Haus gewesen, und so schob ich ihn vor mir her wie eine Eintrittskarte.

Dann stand G.s Mutter vor mir, eine junge Frau, wir mochten das gleiche Alter haben, G. hatte mir erzählt, daß seine Mutter von den Lippen ablesen könne, und so sagte-ich ihr, meine Lippen deutlich bewegend, wer ich sei und warum ich gekommen wäre. Sie lächelte.