Von Christel Hofmann

Er ist ein Graf, sagt er, und stellt seine Plastiktüte neben sich. Auf der Suche nach dem Speisewagen habe ich ihn angesprochen. Dankbar, daß er die eine Hälfte des Zuges schon ausgelotet hat, begleite ich ihn durch die andere. Kaffeeduft bestätigt die Richtung.

Es ist kurz vor acht. Der Speisewagen beginnt sich zu füllen. Wir setzen uns nebeneinander. Zwischen uns meine Handtasche und seine Plastiktüte. Kleiderbügel lugen heraus. Ein gebündeltes Handtuch. Schuhe. Obenauf ein Buch. Später erzählt er mir, er habe promoviert und aroeite tagein – tagaus mit ganz einfachen Menschen, die nicht anders könnten, als auf ihn neidisch zu sein. Ob er deswegen seinen gepackten Hausrat zwischen uns stehen hat?

Der Speisewagen gehört zu den heimlichen Höhepunkten meines Pendlerdaseins. Hier sind die Leute friedfertig. Vor allem morgens. Kauende Menschen wirken beruhigend wie grasende Kühe. Sie neigen dann auch weniger zur Unterhaltung. Ich beginne zu frühstücken. Genieße. Schweige. Stecke mir danach eine Zigarette an. Schweige noch mal. Der Graf trinkt Cola. Dann bestellt er zwei kleine grüne Vierkantfläschchen. Lustige Dinger. Er schüttet sie in sein halbes Colaglas. Er sagt, er sei naß geworden auf dem Weg zum Bahnhof. Jetzt beugt er einer Erkältung vor. Eine Stunde sitzen wir nebeneinander. Am Ende der Stunde hat er acht Vierkantfläschchen gegen die Erkältung getrunken. Mit zwei Cola und Trinkgeld macht das 31 Mark.

Ich müsse ein schlechtes Bild von ihm haben, sagt er, weil ich ihn habe Alkohol trinken sehen. Ich sage ihm, er müsse mich wohl für einen Freßsack halten, weil ich immerhin drei Brötchen geessen hätte. Ich denke, wer Sorgen hat, hat auch Vierkantfläschchen. Ob ich ihm sage, daß er mit einer ‚Literflasche derslben Marke erhenlichsparankönnte? Ich – unterdrücke meinen Sparvorschlag plaudere ein bißchen, Ich gebe mich locker. Der Kellner läßt mit jeder Geste durchblicken, daß er Bescheid weiß. Mit mir versucht er Verschwörung durch Blickkontakt. Er gibt sich erhaben. Hebt mit spitzen Fingern die leeren Fläschchen einzeln hoch und läßt sie mit Klim-

pern auf sein Tablett gleiten. Ich sehe aus dem Fenster, zähle mit. Es sind tatsächlich acht. Da kann man nichts mehr machen. Der Graf sitzt da wie beschildert. Der Kellner hat es ihm gegeben. Er sei für Gerechtigkeit, sagt er, als der Kellner abgeräumt hat. Er suche sich gerade eine Arbeitsstelle im Ruhrgebiet. Bei seiner Qualifikation eine Kleinigkeit.

Ich hoffe, der neue Chef hat einen gehörigen Schnupfen. Er möchte mich gerne wiedersehen, sagt er. Ich sage, ich wünsche ihm alles Gute. Und daß die Erkältung nicht Platz greift. Er greift meine Hand. Es gäbe so wenige gute Menschen, sagt er.