Wyhl

Die Sonne lacht, als wolle sie ihrem Abbild auf den Tausenden Anti-Kernkraft-Plaketten Konkurrenz machen. Pärchen schmusen inmitten des Trubels auf den Wiesen und am Rheinufer, Schlangen von jungen und alten Leuten drängeln sich vor Verkaufsständen mit Sprudel, Bier und Kaiserstühler Faßwein, Kinder hüpfen um ein Plakat, das ein „Herz fürs Leben“ fordert. Fast ein idyllischer Sonntagsausflug im sprießenden Frühling, ein bißchen Volksfest.

Doch den Leuten, die da zur friedlichen Kundgebung gekommen sind (25 000 sind es nach Angaben der Polizei, von 50 000, alle aus der näheren Umgebung der Dreiländerecke, sprechen die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen), geht es um etwas sehr Ernstes. Hier im Rheinauewald der Kaiserstuhl-Gemeinde Wyhl, wo 1975 mit der ersten Bauplatzbesetzung die bundesdeutsche Anti-Atom-Bewegung begann, stehen sie nun wieder, um das erbittert befehdete Kernkraftwerk Wyhl zu verhindern. Sie jubeln dem Winzer aus Oberrotweil zu, der „selleni Herre“ (jene Herren) in Stuttgart vom Teufel geholt sehen möchte, beklatschen den Liedermacher Walter Mossmann, der ein ebenso nachdenkliches wie markiges Manifest der Bürgerinitiativen verliest, freuen sich über den Endinger Apotheker und FDP-Landtagsabgeordneten Hans-Erich Schott, der zur Besonnenheit mahnt und zum Durchhalten auffordert, zollen dem SPD-Landtagsabgeordneten und Bürgermeister Karl Nicola Anerkennung, dessen Gemeinde Weisweil die gegen den Wyhler Atommeiler klagenden Bürger bei der Begleichung der Prozeßkosten aus dem Steuersäckel unterstützt.

Sie sind mehr denn je. So viele waren es nicht einmal in den heißen Zeiten der Bauplatzbesetzung vor sieben Jahren. Elektrisiert, mobilisiert hat die Leute am Kaiserstuhl ein Urteil des Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshofs (VHG) in Mannheim, das zwar so von allen Beteiligten erwartet wurde, aber dennoch von einem Tag auf den anderen die jahrelange trügerische Ruhe am Oberrhein hinwegfegte. Die Mannheimer Richter hoben das erstinstanzliche Urteil ihrer Freiburger Kollegen auf, die das Baukonzept für Wyhl wegen eines fehlenden Berstschutzes um das Reaktordruckgefäß verworfen hatten, und erklärten die erste Teilerrichtungsgenehmigung für rechtmäßig.

Noch am Abend der Urteilsverkündung formierten sich in Königschaffhausen mehr als hundert Traktoren zur Protestfahrt gegen das Urteil aus Mannheim und gegen den Stuttgarter Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU). „Mer sin eifach wieder do“, hieß es auf einem Transparent. Die Winzer und Bauern wollen nach siebenjährig gern, aufopferungsvollem Widerstand nicht einfach die Waffen strecken. Sie akzeptieren die Mannheimer Entscheidung nicht und schelten die Richter: Sie hätten parteiisch Recht gesprochen, Beweisanträge der Kläger ein ums andere Mal abgeschmettert, kritische Beobachter zu für den Weinbau wichtigen Klimafragen nicht zu Wort kommen lassen, nicht den neuesten Stand von Wissenschaft und Technik berücksichtigt.

Daß diese Kritik nicht bloß ein taktisches Manöver ist, sondern bei vielen Bürgern am Kaiserstuhl tatsächlich aus dem Gefühl heraus kommt, sie und ihre Belange sollten von Richtern, die sie als befangen empfinden, fremden Wirtschaftsinteressen geopfert werden, haben auch die evangelische und katholische Kirche in Baden erkannt In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern sie, diese Zweifel an der Gerechtigkeit des Urteils ernst Zu nehmen. Die Kirchen rufen auch dazu auf, in der hektischen Atmosphäre Ruhe zu bewahren. Landesregierung und Bevölkerung sollten jetzt zuerst einmal miteinander sprechen.

Zu solchen Gesprächen wird es wohl auch kommen. Denn Lothar Späth ist klüger und geschickter als sein Vorgänger Filbinger. Späth möchte, wenn irgend möglich, vermeiden, den Atommeiler in Wyhl mit Brachialgewalt durchsetzen zu müssen. Deswegen will er jetzt versuchen, in Diskussionen mit Bürgermeistern, Gemeinderäten und Bürgerinitiativen Bedenken zu zerstreuen. Zu seinen Gesprächspartnern gehören auch die Spitzen so konservativer Organisationen wie des Weinbau- und Landwirtschaftsverbandes, die, von ihren Mitgliedern gedrängt, der Stuttgarter Regierung wegen Wyhl ebenfalls nervend in den Ohren liegen. Späth will zudem die technischen Planungen des Kernkraftwerks nach der „Baulinie 80“ umrüsten, was Zeit kostet, ein Jahr, vielleicht auch länger. So wird zunächst einmal kein Bagger in Wyhl anrollen, auch wenn Späth nicht die Revisionsinstanz im Wyhl-Prozeß abwarten will.

Doch Gesprächsangebote wie Zeitaufschub ändern an Späths Dilemma nichts: Er hat mehrfach betont, das Kernkraftwerk Wyhl werde auf jeden Fall gebaut, über kurz oder lang, gegen den Protest aller Oppositionsparteien im Südwesten. Dieser im Grundsatz kompromißlosen Haltung steht das ebenso kompromißlose „Nein“ vieler Kaiserstühler entgegen. Sie fragen sich mehr und mehr, ob es denn tatsächlich einen Bedarf für das Projekt gebe. Vor allem aber: Die Leute am Oberrhein fürchten sich vor dem Atommeiler am Rheinufer, fürchten um Leben, Gesundheit, Heimat und Reben. „Wir haben schlicht und einfach Angst vor einem KKW“, rief ein Landwirt am Sonntag bei der Kundgebung ins Mikrophon. Kommt der Konflikt? Die Bürgerinitiativen verkündeten, sie würden Polizeieinheiten, die einen Baubeginn in Wyhl durchsetzen sollen, als „Besatzungsarmee“ empfinden – und Südbaden so lange mit gewaltfreiem Widerstand „unregierbar“ machen, „bis die Regierung ihre Truppen wieder abzieht“. Karl-Otto Sattler