Von Wolfgang Hoffmann

Seit rund zehn Jahren fördert das Bonner Forschungsministerium zwei Reaktor-Prototypen auf der Basis neuer Nuklear-Technologien. Im niederrheinischen Kalkar wird der Schnelle Brüter gebaut, in Schmehausen bei Hamm der Hochtemperaturreaktor, Die Kostenexplosion beim Brutreaktor bringt den Forschungsminister seit über einem Jahr In Finanzschwierigkeiten. Nun sind plötzlich auch Deckungslücken bei der Finanzierung des Hochtemperaturreaktors aufgetreten. Das macht eine weitere Schwachstelle im Kabinett Schmidt/Genscher deutlich: Andreas von Bülow.

Eigentlich kann, ja darf nicht wahr sein, was soeben aus dem Forschungsministerium gemeldet wurde: Minister Andreas von Bülow schickte den am Bau des Hochtemperaturreaktors beteiligten Firmen ein Fernschreiben, worin er sich über plötzlich entstandene Mehrkosten verwundert und die Unternehmen wissen läßt, für irgendwelche Kostenerhöhungen habe er in seiner mittelfristigen Finanzplanung kein Geld.

Von Bülow ist ein bedauernswerter Mann. Seit anderthalb Jahren müht er sich nun ab, die ins Schleudern geratene Finanzierung des Schnellen Brutreaktors in Kalkar zu retten, da wird er von einem neuen Nukleardesaster überrollt. Nach dem Brüter muß nun auch beim Hochtemperaturreaktor, dem zweiten Prototyp neuartiger zukunftsweisender Kerntechnik, mit außergewöhnlichen Mehrkosten gerechnet werden. Von 700 Millionen Mark ist die Rede.

Binnen anderthalb Jahren hat sich damit für die beiden modernen Reaktorlinien, die irgendwann einmal kommerziell genutzt werden sollen, ein finanzieller Mehrbedarf von rund zwei Milliarden Mark herausgestellt. Dabei ist das keineswegs das erste Mal. Insgesamt haben sich die Kosten für beide Projekte inzwischen nämlich vervierfacht, von einst 2,5 Milliarden Mark auf nunmehr zehn. Einige Ursachen der Kostenüberschreitungen sind auf übliche Vorgänge zurückzuführen – Bauverzögerungen und dadurch bedingte Inflationsraten –, aber die ganze Wahrheit ist das nicht.

Als Andreas von Bülow sein Amt als Forschungsminister übernahm, mußte er sich zunächst mit zweierlei abfinden, mit den Projekten seiner Vorgänger und mit leeren Kassen. Letzteres nahm dramatische Züge an, als die tatsächlichen Mehrkosten beim Brüter offenbar wurden. Ohne eine Kürzung in anderen oft wichtigeren Bereichen war eine weitere Finanzierung des Projekts nicht machbar. Eine Analyse der bisherigen Forschungsförderung machte einen wichtigen Fehler der Vorgänger des neuen Ministers deutlich: Die Entwicklung neuer Reaktorlinien wurde bis dahin fast ausschließlich auf Staatskosten betrieben, also ohne angemessene Beteiligung der Firmen, die später einmal Nutznießer der Entwicklung sein sollten.

Für die Firmen war solche Großzügigkeit bei der Förderpolitik eine feine Sache, entledigte sie die Finanzchefs doch aller künftigen Geldsorgen. Denn wann immer ein Projekt, noch dazu ein großes, in Schwierigkeiten gerät, zahlen müssen stets die anderen. Unter solche Politik wollte von Bülow einen Schlußstrich ziehen. Er machte deutlich, künftig könne die Industrie von ihm keine Großprojekte mehr zum Nulltarif erwarten. In der Öffentlichkeit bekam Bülow Beifall, redlich verdient, Der neue Mann ließ hoffen.