Von Hanno Kühnert

Dem Rentner Otto Kunz aus Steinen bei Lörrach droht die Zwangsversteigerung seiner Haushälfte, denn Otto Kunz, 69 Jahre alt, kriegsbeschädigt und ganz besonders engagierter Gegner von Kernkraftwerken, hat eine große Dummheit begangen. Kunz ließ sich vor Jahresfrist von einer Idee des dafür schon berüchtigten Walther Soyka hinreißen, die Verwaltungsgerichte massenweise mit Klagen gegen Atommeiler zu beschäftigen. Kunz unterschrieb mit 150 anderen, und Soyka machte in Koblenz auch eine Klage des Kunz gegen das Kernkraftwerk Müllheim-Kärlich anhängig. Die Klage scheiterte schon im Vorfeld; mit linker Hand konnten die Gegenanwälte argumentieren, die Verwaltungsrichter die Klage abweisen: Kunz ist von dem Kernkraftwerk am Mittelrhein im Sinne des Verwaltungsrechts nicht betroffen, er wohnt am Oberrhein.

Nun marschiert die Justiz in Steinen mit der gerechten, aber kalten Pracht ihrer Kosten- und Vollstreckungsparagraphen auf. Die Landesjustizkasse Mainz treibt 5340 Mark bei Kunz ein; sie hat eine Sicherungshypothek für das in dem schnellen Prozeß siegreiche Land Rheinland-Pfalz beantragt. Sie hat die halbe Miete eines Hausbewohners gepfändet. Der Rentner Kunz Stottert die Gerichtskosten mit monatlich 450 Mark ab.

Aber ein verlorener, ein aussichtsloser, selbst ein irrwitziger Prozeß zieht auch Anwaltskosten nach sich. Mit dem Anwalt des obsiegenden Landes, Hermann Eicher, gibt es vorerst nur einen erbitterten Briefwechsel (Kunz: „Das beweist mir, daß die Justiz vor der Atommafia kuscht“). Der Rentner, nicht sehr umgänglich und nach wie vor von seinem Recht überzeugt, schickt auch schon mal einen Brief ungeöffnet zurück.

Da sind die Anwälte der „Beigeladenen“ flotter. Die Essener Kanzlei der Kraftwerkerbauer Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE), Brown, Boveri & Cie (BBC) und Hochtief AG übersandte dem Amtsgericht Lörrach am 1. Februar den „Antrag auf Anordnung der Zwangsversteigerung“. Die Forderung gegen Kunz: 5332 Mark „zuzüglich Zinsen“.

Am 24. Februar beschloß das Amtsgericht Lörrach dann auch, die Hand auf die Kunzsche Haushälfte zu legen (die andere gehört seiner geschiedenen Frau): „Die Zwangsversteigerung wird auf Antrag der Gläubiger angeordnet. Der Beschluß gilt zugunsten der Gläubiger als Beschlagnahme des Grundbesitzes. Roll. Rechtspfleger.

Der Rentner Otto Kunz, Vater von sechs Kindern, eines ist behindert, hat also wegen der verrückten Klage nicht nur Schulden von bald 11 000 Mark; ihm droht auch die Versteigerung seines Besitzes, den er sich 1970, als er noch als Maschinenschlosser tätig war, baute. Der drohenden Katastrophe sieht er mit Fatalismus entgegen: „Schuld ist unser Staat, unsere Gesetzgebung – und daß unsere Justiz nicht frei ist von Nackengreifern.“ Der Biotechniker, wie er sich heute bezeichnet, der Vegetarier und Nichtraucher Kunz will auf keinen Fall gegen seinen Justizverführer Soyka vorgehen. „Soyka ist ein armer Mann, der steht ethisch ganz hoch.“ Und: „Biologisch gesehen ist das Urteil aus Koblenz total falsch!“ Kunz hat’s immer noch nicht eingesehen.