Bonn

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen“ steht in Klammern und kleingedruckt unter dem Aufruf. So ein Hinweis muß wohl sein in diesem Staate: Der Bürger ist unter allen Umständen auf die Grenzen seiner Möglichkeiten hinzuweisen, Wo kämen wir hin – wollte sich jemand auf dem Rechtsweg Zutritt zum Fest des Kanzlers verschaffen.

Im Februar veröffentlichte der General Anzeiger den Aufruf: „Wir suchen die freundlichsten Bürger!“ Und: „Sie dürfen mit dem Kanzler feiern. Am 25. Juni 1982 findet das Kanzlerfest unter dem Motto ‚Bonn, wie es euch gefällt‘ statt. Der Bundeskanzler möchte die fünfzehn freundlichsten Bürger aus Bonn und Umgebung mit jeweils einer Begleitperson dazu einladen. Sie, liebe General Anzeiger-Leser, sollen bei der Suche behilflich sein. Schreiben Sie uns, wer Ihrer Meinung nach zu den freundlichsten Bürgerinnen und Bürgern zählen könnte...“

An die 250 Zuschriften tröpfelten in die Redaktion, die erhoffte Brief-Flut war das nicht. Loki Schmidt aber konnte sich herzlich freuen: „Da haben sich doch 250 Menschen hingesetzt und einen Brief oder eine Karte geschrieben, das ist in der heutigen Zeit sehr positiv.“

Die Briefträger – über ein Dutzend wurden vorgeschlagen – nehmen die Spitzenposition ein. „Er ist stets fröhlich, zufrieden und hat immer ein nettes Wort für einen...“ Oder: „Er pfeift und singt bei seiner Arbeit, alle Leute haben ihn gern.“ Die meisten dieser Briefe sind in Sütterlin geschrieben – von alten Menschen also, für die das nette Wort vom Postboten an manchen Tagen die einzige Freundlichkeit ist.

Anrührend auch der Brief, in dem eine Verkäuferin als freundliche Bürgerin vorgeschlagen wird: „Sie ist in dem kleinen Laden in unserem Seniorenstift. Die alten Leute holen sich dort Aufschnitt und Käse. Sie brauchen nur kleine Portionen und sind oft unentschlossen, was sie denn haben möchten. Frau R. nimmt sich Zeit für jeden, niemand ist ihr lästig, mit ihrer freundlichen, von Herzen kommenden Art geht sie auf alle Wünsche ein...“ Eine Selbstverständlichkeit? Für die Schreiberin nicht.

Der Schüler Klaus S., 12, schlägt den Hausmeister F. vor. Der sorgt nämlich in einem Hochhaus-Komplex auf ganz außergewöhnliche Weise für Ruhe, Ordnung und Sauberkeit: „Er hat nöch nie mit uns Kindern geschimpft. Er hat extra eine Hecke am Spielplatz angelegt, damit die Kinder sicher sind vor den Autos. Und das Allertollste: Meine Mutter hatte versehentlich mein Lieblingsspielzeug in den Müllschlucker geworfen. Was tat unser Hausmeister? Er leerte im Keller den riesigen Müllcontainer auf dem Fußboden aus und suchte das kleine Spielzeug heraus.“