Nein, Schubert war nicht auf Mallorca, und doch war er es und nicht Chopin, der mir dort auf traumhafte Weise begegnete an einem kalten Sonnabend im März.

So war es auch nicht Valdemosa, wo Chopin touristisch vermarktet wird, es war in dem kleinen Städtchen Esporlas am Fuße der Berge. Dennoch ließ mich etwas an Chopin denken, nämlich die äußeren Umstände meines Aufenthaltes.

Am Morgen bin ich aus dem lauten Palma nach Esporlas geflohen. Kalt ist es hier. Das einzige Gasthaus am Ort neben der riesigen Kirche ist nicht beheizbar. Doch ich bin begeistert von der Schönheit der Umgebung, der Schlichtheit meines Zimmers. Die Kirchenmauer gegenüber, zum Anfassen nah, füllt das Fenster. Noch mittags esse ich auf der Terrasse. Sie ist überdacht und voll üppigem Grün. Kanarienvögel in winzigen Käfigen – singen sie wegen oder trotz ihrer Gefangenschaft so schön? Es ist eine bezaubernde Situation, ich halte sie innerlich fest. Noch ist mir die Kälte nicht überall hin nachgekrochen.

Am Nachbartisch sitzt ein rotgesichtiger, schon weinbeflügelter Spanier. Er erzählt etwas von einem Sinfoniekonzert heute abend um sechs Uhr in der Kirche. Fast glaube ich ihm, sehe aber später, wie vor der Kirche ein Holzpodest aufgebaut wird – zu klein für ein Orchester. Dann bemerke ich auch den Brunnen gegenüber, verhüllt mit einem weißen Tuch. Vorbereitungen also für eine feierliche Denkmalsenthüllung – schließe ich richtig – mit Blasmusik auf dem Podest. So wäre es bei uns, aber hier: wahrscheinlich Gitarren und Tanz, und so ist es dann auch am nächsten Tag: mit vielen Menschen, sicher fast allen Einwohnern. Der Brunnen samt Figur ist nicht mehr zu sehen. Zu hören aber sind die endlosen Reden der Honoratioren. Keiner hört zu, man unterhält sich laut, aber bemerkt trotzdem, wenn eine Rede zu Ende ist, und klatscht hingebungsvoll.

Aber das alles passierte erst am nächsten Tag, am Sonntag. Am Samstagnachmittag mache ich noch einen langen Weg in die Berge hinein. Leider sind da nur asphaltierte, schmale Straßen, und alles ist eingezäunt. Überall Schilder: coto privado de caza. Außer den Zäunen und der Abneigung, womöglich zu jagdbarem Wild zu werden, halten mich die scharfen Hunde ab, die Straße zu verlassen. Und da bin ich dankbar für hohe und starke Umzäunungen. Was wird da eigentlich gejagt? Erst später weiß ich, warum alles abgesperrt ist: In alle frei zugänglichen Grundstücke fallen an Feiertagen die Spanier ein mit Autos und Kind und Kegel und essen und trinken an offenen Feuern.

Gegen sechs Uhr bin ich zurück, und da steht ein Bus, aus dem in schwarzen Anzügen mit ihren Instrumenten die Musiker aussteigen und in der Kirche verschwinden. Also doch ein Konzert? Aber nirgends ein Plakat, kein Hinweis, keine Kasse, an der Eintritt zu entrichten wäre. Durch einen Seiteneingang mogle ich mich hinein. Die Kirche, auch innen gewaltig mit mächtigem Altar, ist fast leer. Die Musiker stimmen die Instrumente. Und in dieser Minute, an diesem Tag bin ich gespannter, neugieriger als in jedem großen Konzertsaal.

Dann beginnt das Solohorn aus Schuberts großer C-Dur-Sinfonie, und es stört mich nicht, daß in der schließlich fast vollbesetzten Kirche nach jedem Satz geklatscht wird – gleichgültig, ob aus Unkenntnis oder Begeisterung.