Von Werner Klose

Ende März wird aus Bonn gemeldet, daß Björn Engholm eine Broschüre vorgestellt habe. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn es sich nicht um den Minister für Bildung und Wissenschaft persönlich handelte. In diesem Ministerium, das alle wesentlichen Kompetenzen den Kultusministern der Länder lassen muß und deshalb unermüdlich auf der Suche nach Aufgaben ist, muß also der Ressortchef selbst seine Broschüren verteilen. Oder ist das Broschürte so wichtig, daß es eine Tendenzwende in der Bildungspolitik einläutet? Nein, der Leser wird enttäuscht. Denn es geht um „Arbeiterkinder im Bildungssystem“, um einen pädagogischen Ladenhüter, der seit über zehn Jahren gründlich ausdiskutiert ist.

Auf die Fehlerquellen aller Zahlenspielereien mit Arbeiterkindern ist so oft hingewiesen worden, daß ich sie nur summarisch auflisten will.

Niemand weiß genau, was ein „Arbeiterkind“ ist. Am besten zahlte man den Sozialstatus des Vaters bei der Geburt. Ein junger Arbeiter hat ein kleines Arbeiterkind. Aber sehe ich mir die Schüler des Gymnasiums an, an dem ich seit über dreißig Jahren arbeite, haben sich dort fast alle Arbeiterkinder statistisch verkrümelt.

Stefans Vater ist Polizeihauptmeister, Stefan also Beamtensohn. Aber ich kenne seinen Vater noch als jungen Mann, der jahrelang meinen Wagen an der Tankstelle versorgte, bis er den Sprung zur Polizeischule schaffte. Ist Stefan vielleicht doch ein Arbeiterkind? Inge, längst junge Lehrerin, war statistisch in der Schule niemals Arbeiterkind. Ich weiß zwar, daß ihr Vater als Bauhilfsarbeiter schuftete, doch diese Herkunft ist dem höflichen und vermögenden Herrn nicht anzumerken, in dessen Einzelhandelsgeschäft wir einkaufen. In meiner Statistik war Inge immer die Tochter eines selbständigen Kaufmanns, kam also aus einer Schicht, wo bei uns bereits die kleineren Kapitalisten beginnen.

Wenn es in Engholms Broschüre heute am Gymnasium zehn Prozent Arbeiterkinder gibt, müßten das die Schüler sein, deren Väter Arbeiter waren und blieben. Da Väter von Kindern im Gymnasialalter jedoch älter als 35 sind, haben gerade jene eine mehr als zwanzigjährige Berufsleistung hinter sich, die als Jungarbeiter begannen, Von diesen sind viele eben nicht Arbeiter geblieben. Sie stiegen vielmehr auf zu Meistern, Betriebsleitern, Geschäftsleuten, Verwaltungsangestellten, Post- oder Polizeibeamten.

Auch Minister Engholm selbst lernte als junger Bursche in Lübeck den Beruf des Schriftsetzers. ‚Wo laufen seine Töchter statistisch: Arbeiterkinder? Ministerkinder? Fazit: Die reale Zahl von „Arbeiterkindern“ ist viel größer als die statistische.