Von Wolfgang Hoffmann

Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität hat einen ausgesprochen guten Ruf. Ihre Absolventen brauchen sich um ihre berufliche Zukunft nicht zu sorgen. Examenskandidaten sind vielfach schon vor ihrem Prüfungsabschluß unter Vertrag. Die Vermittlung der Arbeitsämter hat mit Bochumer Wirtschaftswissenschaftlern keine Not, ja nicht einmal etwas zu tun. Und dennoch: die Hälfte der Ausbildungskapazität liegt brach. Anfang der siebziger Jahre zählte die Fakultät noch dreitausend Studenten, heute nicht einmal mehr halb soviel.

In Köln steht die total überfüllte wirtschaftswissenschaftliche Fakultät vor dem Kollaps; in Bochum muß Personal abgebaut werden, weil es nicht ausgelastet ist. Trotz günstiger Konditionen – zentrale Lage, moderne Gebäude, ein befähigter Lehrkörper, der den Studenten eine sichere berufliche Zukunft verspricht – Bochum wird von den Studenten gemieden. Herumgesprochen haben sich offenbar nicht die Vorzüge, sondern nur die Nachteile: Die Fakultät gilt als besonders schwer. Das Studium in Bochum bedeutet Streß.

Daß sich die Studenten ihren Studienort danach aussuchen, wo es sich gut faul sein läßt, könnte eine Erklärung sein. Aber sie gilt wohl nur bedingt. Hochschulen mit Tradition wie Bonn etwa haben auch nicht gerade den Ruf der leichten Tour. Ähnliches gilt für Münster. Dennoch sind beide Unis überbelegt. Mit objektiven Kriterien lassen sich Ungereimtheiten wie die von Bochum nicht erklären. Vielleicht liegt es daran, daß die neuen Universitäten es besonders schwer haben, sich durchzusetzen. Konstanz ist so ein Beispiel: die Universität steht im Ruf, einen hervorragend qualifizierten Lehrkörper zu haben. Aber ausgebucht ist die im freizeitfreundlichen Umfeld gelegene Universität längst nicht: 5042 Studienplätze gibt es, aber nur 3631 Studenten.

Dabei ist die Marktlage der deutschen Universitäten nachgerade ideal. Das Angebot an Hochschulplätzen ist knapper als die Nachfrage. Aber die Studenten verhalten sich anders, als es ansonsten die Gesetze des Marktes verlangen, nicht rational, sondern offenkundig irrational. Warum, wurde bislang nicht genau untersucht. Noch immer stochern die Hochschul- und Bildungsfunktionäre in Vermutungen herum. Mal wird die mangelnde Mobilität der Studenten genannt. Mal muß auch die fehlende Zugkraft des Personals herhalten. Auch ein zu linker Ruf ist für eine Universität schädlich, obwohl es keineswegs so sein muß, daß die späteren Berufschancen ihrer Absolventen schlechter sind: Juristen aus Bremen sind nämlich in der Wirtschaft durchaus willkommen.

Am häufigsten wird das soziale Umfeld, die Infrastruktur einer Universitätsstadt, als Grund dafür genannt, daß eine Hochschule überlaufen ist: zentrale Lage mit günstigen Verkehrs Verbindungen, urige Kneipen, reichlich Buden und die Möglichkeit eines schnellen Jobs. Und wenn’s dann auch noch nah bei Muttern ist, dann fehlt den Studikern so gut wie nichts mehr an ihrem Glück.

Es klingt grotesk: Angesichts von zwei Millionen Arbeitslosen mit ungewisser Zukunft leisten sich Abiturienten den Luxus, zunächst ihren Studienort zu wählen, um dann das Fach zu bestimmen. Der Sohn eines hohen Bonner Bildungsbeamten bewarb sich um einen Medizinplatz in Bonn. Die Zentralstelle für die Vergabe für Studienplätze (ZVS) zog für ihn jedoch einen Platz in Bochum. Weil ihm Bochum nicht behagte, verzichtete der Jungakademiker auf das Medizinstudium. Nun studiert er am Heimatort Chemie. Ein Einzelfall? Hochschulexperten beteuern: keineswegs.