Von Jes Rau

An dieser Kreuzung habe Ronald Reagan vor einem Jahr gestanden, vermerkt der Fremdenführer stolz, der den Besucher aus dem benachbarten – und doch so fernen – Manhattan durch die South Bronx geleitet. Die Kreuzung wird durch einen Wegweiser mit der Aufschrift „Charlotte Street“ markiert, der da so steht, als ob nichts gewesen wäre; als ob die Straße irgendwohin führte – und nicht von einem inzwischen planierten Trümmerfeld zum nächsten Trümmerfeld. Ganz in der Nähe sei auch Jimmy Carter gewesen, sagt der Fremdenführer und weist auf eine Silhouette ausgebrannter Häuserstümpfe. In den Ruinen hausen offensichtlich Leute – Oberlebende, ist man versucht zu sagen. Sie haben die Fensterhöhlen zugenagelt, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Was amerikanischen Präsidenten als fernsehgerechte Kulisse für die Darstellung ihres Mitgefühls mit den Armen dient, das weckt bei deutschen Besuchern Erinnerungen an die Nachkriegszeit. Vielleicht kommen deshalb so viele deutsche Touristen in die South Bronx gefahren, um die im deutschen Fernsehen erblickten „Sehenswürdigkeiten“ auf Schmalfilm und Dia festzuhalten.

Was in deutschen Städten die Bomben der Alliierten vollbrachten, ist im New Yorker Stadtteil South Bronx das Resultat einer Art zivilisatorischer Krankheit, deren anfängliches Symptom die einsetzende Verlotterung ist, die zu Vandalismus führt und schließlich zu Brandstiftung, Angesichts dieser Verwüstung steigt die Frage auf, wie es möglich ist, daß die Leute ihr eigenes Wohngebiet derart zurichten. „Weil sie Tiere sind“, „just animals“, sagt der Taxifahrer, derden Besucher zum Büro des Kongreßabgeordneten Robert Garcia fährt, das sich auf der immer noch schönen, aber von Drogensüchtigen unsicher gemachten Prachtstraße „Grand Concours“ befindet. „Diese Leute können mit der Freiheit nichts anfangen“, sagt der Taxifahrer, „Ihnen muß man sagen, was sie tun müssen, und was sie zu lassen haben.“

Noch unter dem Eindruck des zerstörten „Schlachtfeldes“ erscheint diese Beurteilung für einen Moment zutreffender als alle soziologischen und ökonomischen Erklärungen. Auch Robert Garcia, der im Repräsentantenhaus des Kongresses die Bronx vertritt, bestreitet nicht, daß „ungute Verhaltensweisen“ mit zu der Verwüstung der South Bronx beigetragen haben, Das aber seien nicht die entscheidenden Ur-Sachen. „Tausende verschiedener Faktoren“ wirkten zusammen: Die Stadtflucht der Mittelklasse, die Armut und mangelnde Ausbildung der nachrückenden Emigranten aus der Karibik und Südamerika, Drogensucht und Alkoholismus, die Skrupellosigkeit der Hausbesitzer, die zwecks Versicherungsbetrug Brandstifter anheuern, die Gettomentalität, die Frustration und Hoffnungslosigkeit und vor allem das Fehlen von Jobs.

Dieses unheilvolle Gemisch zeigt seine Wirkung im ganzen Lande. Es gibt kaum eine amerikanische Stadt, in der einem downtown, im Zentrum, nicht jener für die Slums typische Geruch von Abfall und Moder entgegenschlägt. Aber auch viele ländliche Regionen wirken schmuddelig und armselig. Die South Bronx gehört sicherlich mit zu den schlimmsten Slums in ganz Nordamerika. Genauso schrecklich sieht es aber auch in Miamis Stadtteil Liberty City aus, und kaum besser sind die Verhältnisse in Watts, einem Armenviertel von Los Angeles.