Von Claudia Dillmann

Frankfurt a. Main

Ängstlich auf Unruhe scheint eine ganze Region bedacht zu sein. Stillstand und Bewegung schließen einander aus – und als „Bewegung“ begreifen sich jene, die sich im Widerstand gegen den Bau der Startbahn 18 West des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens zusammengeschlossen haben. Nach der Räumung des legendären Hüttendorfs im Flörsheimer Wald; nach dem Entscheid des Hessischen Staatsgerichtshofes, der das Volksbegehren gegen die Startbahn West für unzulässig erklärte; nach den endlos scheinenden Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Chaoten auf der einen Seite und Tausenden von Polizisten jeneits der kilometerlangen Betonmauer; und schließlich: nach dem Fällen der Bäume hatten sich Lähmungserscheinungen breitgemacht. Resignation geht an die Substanz. Was bewegt sich noch in der Region südlich von Frankfurt?

Die Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung Frankfurt Rhein-Main, genannt BI, sucht als eine Art Dachorganisation der versprengten Haufen politische Anknüpfungspunkte. Die Anti-Atomkraftbewegung, die Friedensbewegung, die Anti-Startbahnbewegung – Gemeinsamkeiten sind augenfällig und sollen bald in gemeinsame „Aktionen“, anders ausgedrückt: in Politik münden. Bewegung als mitreißender Prozeß, ständig neue Ziele vor Augen – mancher Bürger von Mörfelden-Walldorf, von Groß-Gerau oder Rüsselsheim kann sich nicht mehr vorstellen, „nach alldem“ zurückzukehren in seinen Alltag und die ihm zudiktierte Rolle, als sei nichts geschehen. Die anderen, die Exponenten der Bewegung, könnten – selbst wenn sie die Kraft und den Willen aufbrachten – nicht mehr zurück: Sie wurden stigmatisiert, kriminalisiert, gegen sie laufen Ermittlungsverfahren. Ihnen galten andererseits Solidarität und Spendenaktionen.

Es ist zu viel, zu schnell, zu heftig passiert. Politisierungsprozesse, von deren Ausmaß kommunistische Parteien nur träumen können, setzten bei Tausenden ein – und wurden nicht verarbeitet in all der Hektik. Denn mitten hinein in eine fast ländlich strukturierte Gegend des Rhein-Main-Gebiets war die ökologische Diskussion angesichts des drohenden Waldverlusts geplatzt; es folgten in der im Winter 1978 gegründeten BI erbitterte Debatten mit juristischen Argumenten – bis auch das letzte Gericht gegen die Region entschieden hatte; es folgte das mehrtägige Hearing im Landtag, das viele später als „Farce“ brandmarkten; die Diskussion um plebiszitäre Fragen, ausgelöst durch das „Volksbegehren/Volksentscheid keine Startbahn West“; Streitereien um die mögliche militärische Nutzung der bekämpften Bahn 1 und immer wieder: Diskussionen um Gewalt, Chaoten, gewaltfreien Widerstand, Widerstandskonzepte, Staats- und Politikverständnis.

Engagiert haben sich dabei alle: die Junge Union wie die DKP, Stadtverordnete, der Angel- und der Heimatverein, die Gewerkschaften, Alternative, Aussteiger, Handwerksmeister, Zehntausende.

Nach dem Spruch des Staatsgerichtshofs, der die Hoffnungen auf ein Volksbegehren zerschlug, machte sich zu Beginn des Jahres Resignation breit. „Wir haben da“, gesteht Bl-Sprecher Dirk Treber, „erhebliche theoretische Defizite. Das ist alles nicht verarbeitet“. Die überraschende Räumung des Hüttendorfs im Oktober sitzt weiter als Stachel im Fleisch und tut weh. Doch das kollektive Verkraften der Ereignisse ist schwierig: In den letzten Wochen waren es erneut Impulse von außen, die die Bewegung aus ihrer Lähmung rissen, Reaktionen erforderlich machten und Kräfte banden. Der hessische Verwaltungsgerichtshof hat die vorläufige Genehmigung des hessischen Wirtschaftsministers für Eingriffe ins Grundwasser auf dem Baugelände für rechtswidrig erklärt; die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung widersprach der Auffassung der BI, die Startbahn diene militärischen Zwecken; und schließlich: Der immer offenkundigere desolate Zustand der SPD-FDP-Regierung Hessens, die sich zur Landtagswahl am 26. September schleppt, weckt neue Hoffnungen.