Devisenmangel zwingt dazu, die Erträge zu steigern

Von Joachim Nawrocki

Die Bauern im Kreis Neubrandenburg kämpfen um jedes Ferkel. An den Genossen Erich Honecker schrieben sie dieser Tage: „Wir vervielfachen unsere Anstrengungen zur Erhöhung der Aufzuchtergebnisse und ringen darum, je Sau ab ersten Wurf im Jahr 18,1 Ferkel und je Kuh ein gesundes Kalb aufzuziehen.“ Angeregt dazu hat sie der Parteichef selbst.

Die „richtungweisenden Worte des Genossen Erich Honecker“ werden jetzt häufiger in der DDR zitiert, wenn es um die Landwirtschaft geht. Die SED ist mit den Leistungen ihrer Bauern nicht zufrieden, und sie versucht vorsichtig, in der Agrarpolitik ein paar Weichen neu zu stellen. Offiziell soll dies auf dem XII. Bauernkongreß der DDR am 13. und 14. Mai geschehen.

Derzeit ist die DDR in der Phase der „breiten demokratischen Vorbereitung“ des Bauernkongresses. Das führt dann zu der Flut von Briefen an das SED-Zentralkomitee, in denen dem Generalsekretär versichert wird, das die Dokumente zum Bauernkongreß die volle Zustimmung der Bauern finden, oder daß in einer Zeit der „Konfrontations- und Hochrüstungspolitik der USA und der NATO jedes Kilogramm Getreide und jede Dezitonne Futter mehr aus eigenem Aufkommen für die Produktion von Milch, Fleisch, Eiern und Wolle besonders ins Gewicht fallen“.

Die Verknüpfung von Getreideproduktion und Ost-West-Konflikt kommt nicht von ungefähr. Honecker selbst hat Ende letzten Jahres vor dem SED-Zentralkomitee erklärt: „Die bedeutende Leistungssteigerung der Landwirtschaft ist eine politische Aufgabe ersten Ranges.“ Die Herausforderungen könnten nicht mehr mit den Maßstäben der Vergangenheit gemessen werden. Die Probleme der Agrarproduktion seien „in der internationalen Klassenauseinandersetzung von wachsender Bedeutung“ und berührten die Lebensinteressen der Republik. „Heute kann man das Getreideproblem in seiner Rangordnung durchaus mit dem Erdölpreis vergleichen.“

Das ist ein dramatischer Appell. Nicht nur die Sowjetunion und Polen müssen Getreide importieren, sondern auch die DDR. Sie kauft jährlich zwischen drei und vier Millionen Tonnen – zu steigenden Preisen und gegen harte Devisen, denn im Ostblock gibt es nirgends Getreideüberschüsse.