Von Erdmute Heller

Wenn Völker und Nationen, die keine Beziehungen zueinander haben, sich falsche Bilder voneinander machen, ist das nicht weiter tragisch. Was beispielsweise ein Eskimo über die Einwohner der Seychellen denkt, hat keine weltpolitische Bedeutung. Gefährlich wird die Sache bei Völkern und Kulturen, die historische und politische Interessen verbinden – so wie es auf das Begriffspaar Orient und Okzident zutrifft, das heißt: auf die arabische Welt und den industrialisierten Westen. Hier können Vorurteile und Mißverständnisse politische Folgen nach sich ziehen. Die Zeitgeschichte ist reich an Beispielen dafür: Nahostkonflikt, Palästinenserfrage, Iran.

Kein Wissenschaftler würde sich im 20. Jahrhundert trauen, eine gelehrte Abhandlung über den „Geist des Negers“ oder den „Charakter der Slawen“ zu schreiben. Dagegen erscheinen noch heute in schöner Regelmäßigkeit Abhandlungen über Themen wie, beispielsweise, „Der arabische Verstand“ oder „Die Mentalität des Orientalen“. In dieser Stereotypisierung des Arabers als „homo islamicus“ drückt sich latent noch immer jene Beziehung des Westens gegenüber dem Orient aus, die bezeichnend für die letzten 300 Jahre west-östlicher Geschichte ist.

Im Laufe dieser Geschichte entstand so eine akademische Disziplin, die „Orientalistik“, deren Auswüchsen ein neues Buch gewidmet ist:

Edward W. Said: „Orientalismus“; Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/Berlin/Wien 1981; 423 S., 19,80 DM.

„Orientalismus“ ist danach die Summe aller Platitüden und Vorurteile, die der Westen über den Orient zum Zwecke der Unterwerfung erfunden und zum Dogma, zur Doktrin erhoben hat.

Kaum eine Neuerscheinung der jüngsten Zeit hat bei den Gralshütern orientalischen Wissens so viel intellektuellen Staub aufgewirbelt wie Saids Orientalisten-Schelte. Kein Wunder auch: am Phänomen des „Orientalismus“ – so lautet die These – sind die Orientalisten schuld – Erfinder des Orients und des Orientalismus gleichermaßen, Vorkämpfer Und Vollzugsgehilfen des kulturellen Hegemonismus, Fahnenträger der traditionell feindseligen Einstellung des westlichen Auslandes gegenüber dem Orient und dem Islam.