Von Wolfram Siebeck

Der Räucherlachs war „faserig trocken, völlig versahen und braun oxydiert“, das Chateaubriand „verkohlt, innen völlig ausgetrocknet“, „faserig trocken“ war auch die Ente sowie „anscheinend... vorgekocht und in der Friteuse auf Temperatur und Farbe gebracht“, der als 75er Riesling angebotene Wein schließlich entpuppte sich als 78er Müller-Thurgau.

Dieses traurige Resümee eines Abendessens in einem Restaurant stand in der Zeitung. Das betreffende Restaurant, der „Westfälische Friede“ in Münster, wurde dadurch bekannt und der kritische Esser vom Wirt auf Schadenersatz verklagt.

Ich kenne den „Westfälischen Frieden“ nicht. Das Lokal zählt nicht zu jenen Etablissements, die zu besuchen mir vielverspechend erschiene. Deshalb wundere ich mich weder über den trockenen Räucherlachs noch über die vorgekochte Ente und das verbrannte Fleisch.

Ich würde mich wundern, wenn der Lachs nicht trocken, die Ente nicht vorgekocht und das Fleisch nicht verbrannt gewesen wäre. Denn das ist leider das Übliche in dieser Klasse unserer Gastronomie, die sich zwischen den 150 bis 200 guten Küchen und den Schnellimbissen breitmachte – unsere fritierende Mehrheit.

Daß dort die Existenz der Gastronomie – Kritik mit großem Unbehagen registriert wird, ist verständlich. Nicht weil sich ein Tester auch einmal zu ihnen verirren könnte; das kommt selten vor. Aber früher konnten sie in aller Ruhe ihre Steaks verbrennen, da meckerte niemand, wenn sie einen Müller-Thurgau für einen Riesling ausgaben. Erst seit es die guten Restaurants gibt und eine Presse, die die Öffentlichkeit darüber aufklärt, warum diese Restaurants so gut sind, erst seitdem müssen die Lachs-Austrockner fürchten, daß ihre Gäste kritisch werden. Denn irgendwann stellt auch der dümmste Gast fest, daß die beschriebene Kochkunst nichts mit jener Realität zu tun hat, die er – zum Beispiel – im „Westfälischen Frieden“ antrifft.

Daß der dortige Wirt nun gerichtlich gegen den Kritiker vorgeht, könnte man als Provinzposse abtun, wäre da nicht die Konsequenz, die, bekäme er Recht, auf ein Berufsverbot hinausliefe, das nicht nur die Gastronomie-Kritik erledigte, sondern auch jeden Buch- und Theaterrezensenten vor das Risiko stellte, für seine kritische Meinung bestraft zu werden. Es könnten dann die Verleger einen Waldemar Bonseis von 1916 für einen 1982er Peter Handke ausgeben und kämen ungeschoren davon.

Genau das aber darf im Interesse der Konsumenten nicht geschehen: daß sie ungeschoren davonkommen, die den Schund produzieren und ihn sich bezahlen lassen, als wär’s pures Gold.