Zunächst muß klargestellt werden: Wenn es Darwins Theorie nicht gäbe, so gäbe es doch für jeden Biologen weiterhin die Tatsache der Evolution, wie sie ihm täglich in der Verwandtschaft der Lebewesen als natürliches System entgegentritt, Es würde sich also nicht das geringste ändern an meiner Grundüberzeugung, daß die heute vorhandenen Tier- und Pflanzenarten in einer langen Geschichte nacheinander und auseinander entstanden sind. Nur die ärgerliche Zumutung fiele weg, daß ich mir dies alles als Ergebnis von Zufall und Notwendigkeit vorzustellen habe.

Wie also sähe meine Arbeit aus, also der Versuch, das Miteinander verschiedener Arten von Lebewesen in einem Ökosystem wissenschaftlich zu begreifen? Wäre Darwins Theorie schlicht eine unter vielen Erklärungsmöglichkeiten der Evolution, so böte sie mir den Anlaß, in vernünftigem Maße auch nach Zweckmäßigkeit und Überlebenschance zu fragen und nicht zu früh zu resignieren. Ohne sie würde ich vielleicht weniger nach Überlebensstrategien fahnden und es oft mit dem Staunen darüber bewenden lassen, daß eine ordnende Absicht in der Schöpfung alles Miteinander der Lebewesen so bemerkenswert sinnvoll geordnet hat. Aber der heutige Alleinvertretungsanspruch des Neodarwinismus, der mit ideologischer Starre den Zufall als letzte zugelassene Erklärung verordnet, macht ihn für mich störend und ärgerlich, weil er mir verbieten will, neben der Zweckmäßigkeit auch nach anderen Seinswerten zu fragen und sie zu erkennen – Schönheit, Harmonie, Selbstdarstellung des Lebendigen in der Fülle der Schöpfung.

Prof. Joachim Illies

(Spezialgebiet: Süßwasserökologie)

Max-Planck-Institut für Limnologie

Zweigstelle Flußstation Schutz