Von Gunter Hofmann

Das Herz geht ihnen über, der Mund ist davon voll: Man muß den Sozialdemokraten wirklich nicht mehr erzählen, in welcher Krise sie sich befinden. Sie wissen selber ein Lied davon zu singen. Die Krisenliteratur aus der Feder von Genossen stapelt sich. Und Grund dazu gibt es. Hermann Scheer übertreibt nicht, wenn er von der Gefahr einer „breiten antisozialdemokratischen Psychose“ spricht, die aus dieser Krise erwachsen könnte.

Wer sich also aus Anlaß des Münchner Parteitags in der kommenden Woche über die Partei und über das, was sie umtreibt, ins Bild setzen möchte, kann sich über einen Mangel an Auswahl nicht beklagen:

Eine Seite dieser Krise der SPD ist der objektive Befund, ist die Lage, in welcher sie sich befindet: also die Gefahr, daß die Volkspartei mit ihrem populären Kanzler Helmut Schmidt wieder zu einer 30-Prozent-Größe absinkt und nach dem Verlust fast sämtlicher Bastionen in Ländern und Großstädten bald auch in Bonn aus der Regierungsverantwortung kippen könnte. Zum Befund gehört: Der Dissens in den großen politischen Schlüsselfragen, vor allem über den Wachstums- und Fortschrittsbegriff. Und dazu gehört auch, daß die SPD zumal bei den Jüngeren, die ihr 1969 zum Wahlsieg verhalfen, an Attraktivität einbüßt.

Aber inzwischen schießen die Vorbehalte weit darüber hinaus. Manchmal sieht es so aus, als werde die SPD in der Öffentlichkeit (und in vielen Medien) geradezu mit der Haßliebe guillotiniert. Da wird offenkundig manches von der eigenen Seelenlage, die auch Ausdruck der Verhältnisse ist, auf die SPD projiziert. Zu den objektiven Krisenursachen kommt also noch, daß die Partei offenkundig für viele den Sündenbock abgibt. Sie regiert, also bekommt sie es heimgezahlt. Sie soll einlösen, was in dieser Gesellschaft selbst nicht mehr vorhanden ist.

Und Perspektiven soll sie gefälligst aufzeigen. Wenn die Republik schon aufgeladen ist von Friktionen und Spannungen, wenn schon keiner weiß, wohin die Reise gehen soll – die SPD soll es wissen. Insgeheim mag da nicht nur das Bedürfnis nach Geborgenheit, sondern auch die Illusion mitschwingen, wenn nur Regierung und Regierungsparteiintakt, geschlossen und perspektivenreich wären, dann wäre es auch wieder die Gesellschaft.

Diese Vorbemerkungen muß man vorausschicken, wenn man die Krise der SPD betrachtet, weil sich in dieser Auseinandersetzung um die SPD eben ziemlich genau Schwierigkeiten und Stimmungslage der Republik spiegeln. Die sehnlich vermißten klaren Antworten – fort von der Politik des Sich-Durchwurstelns – stellt weder der Konservatismus zur Verfügung, der oft genug artikulationslos erscheint; noch der Liberalismus, dem die eigenen Maßstäbe durcheinander geraten sind; schon gar nicht der Marxismus, der den Notstand ausruft; und leider auch nicht die Sozialwissenschaften, die sorgfältig jede Totalschau auf die Gesellschaft vermeiden.