Von Wolf gang Gehrmann

Die Lage ist für beide unbehaglich. Zwar sitzt Wolf gang Vaerst, der Chef der Deutschen Bundesbahn, noch im Erster-Klasse-Büro im elften Stock der Frankfurter DB-Hauptverwaltung. Doch umgeben von unvermeidlichen Souvenirs zehnjähriger – Präsidentenschaft verwaltet er dort nur noch seinen Abschied.

In einer abgelegenen, eiligst für Chefansprüche möblierten Kammer im Stuttgarter Hauptbahnhof präpariert sich unterdessen schon der Nachfolger auf seinen Job: Reiner Gohlke, offiziell noch in Diensten seines alten Arbeitgebers, des Computerherstellers IBM, stellt dort die Weichen für den neuen Vorstand der Bahn.

Vaerst und zwei seiner drei Vorstandskollegen müssen gehen, weil der juvenile Verkehrsminister Volker Hauff befunden hat, daß nur noch in der Privatwirtschaft geschulte Manager mit neuem Schwung die marode Staatsbahn retten können. Doch der Eindruck, daß sich Gohlkes neue Truppe aus dynamischen trouble shooters rekrutiert, will sich nicht so recht einstellen.

Der neue Personalchef, Heinz Frieser, hat sich bisher als stellvertretender Vorsitzender der Eisenbahner-Gewerkschaft verdient gemacht. Finanzchef Hans Joachim Gröben war zuvor Leiter der Abteilung Personal und Verwaltung in der Bahnzentrale – auf frischen Schwung von draußen läßt das noch weniger schließen als auf Kenntnisse im neuen Fach. Auch der designierte Mann für das Ressort Produktion zeichnet sich wohl eher durch extreme Vertrautheit mit der Bahn von gestern aus, denn durch smarten Unternehmercharakter: Hans Wiedemann war Präsident der Bundesbahndirektion Stuttgart. Nur Wilhelm Pällmann, zuständig für Steuerung und Planung, kommt von draußen – er war Chef der Hannoverschen Verkehrsbetriebe. Für das wichtige Ressort Absatz soll ebenfalls ein Mann aus der Wirtschaft kommen. Doch der ist noch nicht gefunden.

Für die Bahn-Routiniers im neuen Vorstand spricht immerhin, daß sie lange wußten, was ihrem Primus Reiner Gohlke erst in den letzten Wochen restlos klargeworden ist: Auf Hauffs Fähnlein der Aufrechten wartet der wohl problemreichste Job, der im Lande zu vergeben ist.

Seit über einem Jahrzehnt hat die Bahn keinen Gewinn gemacht. Verlor das Unternehmen 1971 die schon hohe Summe von zweieinhalb Milliarden Mark, so verwirtschaftete es letztes Jahr den immensen Betrag von 4,4 Milliarden Mark. Zu Jahresultimo 1982 wird der Aderlaß nicht geringer sein.