Meine Kollegen und ich beschäftigten uns einmal mit einer Fledermaus, die für ihren Beutezug durch den Nachthimmel ungewöhnliche Ortungslaute aussandte, denen wir keine bestimmte Bedeutung zuschreiben konnten. Bei einer Konferenz besprachen wir dieses Problem, mit einem Radaringenieur der amerikanischen Marine. Er kannte eine Ortungsaufgabe, bei der Radartechniker ein solches Signal einsetzen: das Erkennen sich bewegender Objekte vor einem dichten Hintergrund, zum Beispiel eines U-Boots, das sich in ein Hafenbecken einschleicht.

Wir untersuchten in jahrelanger Kleinarbeit mit anatomischen und neurophysiologischen Methoden sowie Verhaltensversuchen, wie das Ohr der Fledermaus jenes ungewöhnliche Ortungssignal empfängt und wie ihr Gehirn es auswertet. Das Ergebnis dieser Teamarbeit war die Beschreibung eines komplizierten biologischen Ortungssystems. Es erlaubt der Fledermaus, ihre flatternde Insektenbeute auch im dichten Geäst trotz des massiven „Echosalats“, der von den Zweigen und Blättern zurückkommt, sicher zu erkennen.

Was fängt man mit einem solchen Ergebnis als Biologe an, will man sich nicht nur in interessanten Detailanalysen verlieren? a) Man bewundert den Einfallsreichtum und die Sorgfalt „der Natur“, „des Schöpfers“, „der Entwicklungskraft“. Doch warum hat dieser „Kreator“ dafür ein typisches Säugetierohr und nicht eine viel einfachere Konstruktion gewählt?

b) Solche Ungereimtheiten lösen sich auf, wenn die Ergebnisse im Licht der Evolutionstheorie betrachtet werden: Die Ergebnisse beginnen plötzlich zu leben. Im Vergleich mit anderen Arten erkennt man, daß der „Bautyp“ Säugetierohr sich in verschiedene Richtungen entwickeln kann, je nach den Erfordernissen der arttypischen Verhaltensweise.

Die Evolutionstheorie erzeugt durch das Aufstellen solcher Entwicklungslinien von Verhaltensweisen, Organstrukturen und -leistungen eine ungeheure wissenschaftliche Kreativität. Die mit Nobelpreisen gekrönte Ethologie (Wissenschaft vom Verhalten der Tiere) wäre ohne die Evolutionstheorie gar nicht denkbar. Wer sich mit den neurobiologischen Grundlagen des Verhaltens beschäftigt und auf die Darwinsche Evolutionstheorie verzichtet, läuft mit verbundenen Augen durchs Paradies und wird wie das sprichwörtliche blinde Huhn mit dem vorliebnehmen müssen, worauf er zufällig stößt. Die gewonnene Erkenntnis bliebe ein isolierter Puzzlestein, bedeutungsleer und zusammenhanglos, ohne Bezug zum fortdauernden Lebensdrama: dem Werden und Vergehen der Arten.

Prof. Gerhard Neuweiler,

Universität München