Am besten beschrieb ihn Alexander Mitscherlich, sein Kontrahent und Interpret. Peter Brückner, der Hannoveraner Psychologie-Professor, so meinte Mitscherlich schon 1966, mache seine Aussagen „oft sprunghaft, in Eile, als wolle er Schlimmem zuvorkommen“. Brückner hielt sich diese Sensibilität zugute, auch wenn sie Irrtümer und Risiken heraufbeschwor.

Am Ende seines Lebens wußte Brückner, was ihn dieser Rigorismus gekostet hatte. Seine Bedeutung als Fachwissenschaftler schätzte er nicht sonderlich hoch ein. Er war gezwungen worden, viel Energie in eigener Sache aufzubringen, in qualvoll langen Auseinandersetzungen mit der niedersächsischen Wissenschaftsbürokratie, die ihn wegen seiner despektierlichen Haltung zu Staat und Gesellschaft aus dem Hochschulamt entfernen wollte. Gar nicht verbittert, eher verwundert rechnete Brückner vor, daß er ein gutes Drittel seiner Zeit als Ordinarius vom Dienst suspendiert gewesen sei – ein einmaliger Fall in der Geschichte der Bundesrepublik.

Mit Bedacht zerstörte Brückner das Bild vom distinguierten Hochschullehrer. Ende der 60er Jahre rechtfertigte er nicht nur theoretisch die Revolte der Studenten, er eignete sich auch deren Lebensformen an, verzichtete auf Privilegien und lebte mit ihnen in Wohngemeinschaften. Er teilte die Furcht vor einer „Renaissance des Faschismus“, den die Rebellierenden schon wieder heraufziehen sahen.

Brückner mißachtete alle Grenzen und zog, fast genußvoll, die Ressentiments auf sich. Deshalb war er nicht unvorbereitet, als er sich vor seinem Dienstherren und den Gerichten verantworten mußte, weil er 1971 Ulrike Meinhof in seiner Wohnung übernachten ließ. „Macht ist dumm“, habe er damals gedacht, erinnerte er sich zehn Jahre später; sie habe ihm diese Überheblichkeit dann seit 1977 – wegen der angeblich allzu verständnisvollen Interpretation des „Mescalero“-Textes – vergolten. Der „Verbannung aus der Gelehrtenrepublik“ zermürbte ihn; die Rehabilitierung kurz vor seinem Tode konnte ihn nicht versöhnlich stimmen.

Seine ganze Kraft wollte Brückner für ein großes Buch über „Geschichte und Psychologie“ sammeln. Die Arbeit daran mußte er, schon seit langem schwer herzkrank, immer wieder unterbrechen. Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag starb Peter Brückner in Nizza.

Gerhard Spörl