Von Ralf Dahrendorf

Wer als Deutscher im Ausland lebt und zudem viel reist, findet sich heute fast täglich mit Fragen über Deutschland konfrontiert. Das geht mir selbst in England so, wo ich nun schon acht Jahre lebe und zuweilen monatelang nicht über Deutschland befragt worden bin. Es ist nicht minder ausgeprägt in Frankreich und natürlich in den Vereinigten Staaten, aber auch bei befreundeten Ausländern in aller Welt. Die Fragen sind besorgt, und da die deutschen Parteipolitiker in ihnen durchweg Munition für ihre eigenen Positionen suchen, mag es nützlich sein, einmal sine ira et studio, wenn auch in aller Deutlichkeit, zu berichten, was den anderen Sorge macht.

Um das gleich vorweg zu sagen: Die Sorgen der anderen müssen nicht die deutschen Sorgen sein. Daß andere es gern sähen, wenn Deutschland einen bestimmten Weg ginge, besagt nicht, daß dieser Weg auch im deutschen Interesse liegt. Aber das ist schon ein anderes deutsches Thema – die Neigung, den eigenen Kurs zu verlassen, um von anderen geliebt zu werden.

Die meisten Gespräche beginnen mit der Feststellung, die Ära Schmidt sei ja nun zu Ende. Es sei, so meinen alle, eine gute Ära gewesen. Auch Konservative können so böse Dinge sagen wie: „Lieber ein lädierter Schmidtals ein intakter Kohl.“ Aber niemand traut der gegenwärtigen Koalition noch überzeugende, zukunftsprägende Taten zu. Die Bundesrepublik hat, im Bild der Welt, eine mehr oder minder würdig alternde Regierung.

Und sie hat keine sichtbare Alternative. Da beginnen dann die nächsten Fragen: Wie ist das mit der Friedensbewegung? Wer sind die Grünen? Die Vermutung ist weit verbreitet, daß die FDP eines Tages die Koalition wechseln wird; aber wenige sehen darin eine nachhaltige Antwort. Denn nun melden sich die tieferen Zweifel. „Deutschland wird im nächsten Jahrzehnt das größte Problem der Welt sein“, bemerkte ein bedeutender Europäer unlängst mit beträchtlicher Übertreibung. Immerhin, wie kommt es, daß man so etwas sagen kann?

„Nach dem Krieg“, meinte ein führender britischer Politiker, „hat mancher uns vor der Wiederkehr von Rapallo gewarnt. Damals war das natürlich Unsinn, aber heute ...“ Und das ist denn auch das erste große Thema: die Deutschen und die Russen, die Erdgasleitung, die Reaktion auf Polen, Ostpolitik nicht als Normalisierung, sondern als Appeasement was geht da vor? Sind die Deutschen wieder auf alten Abwegen? (Es entbehrt nicht der bitteren Ironie, daß vielfach Helmut Schmidt, der bewährte Nato-Mann, mehr als Willy Brandt mit diesen Wegen identifiziert wird.)

Die deutsche Reaktion auf Polen hat in der freien Welt Schockwellen ausgelöst. Dabei geht es nicht um Sanktionen, auch nicht einmal um die Erdgasleitung, sondern um das Fehlen einer spontanen Reaktion der Empörung auf die Militärdiktatur, wie sie beispielsweise für Präsident Mitterrand selbstverständlich war. Mußte Bonn wirklich einen Mann empfangen, der als stellvertretender Ministerpräsident Polens für die Einkerkerung von Tausenden freiheitsliebender Patrioten verantwortlich ist? Ist das Furnier der Freiheitsliebe in Deutschland vielleicht doch viel dünner, als man lange Zeit meinte?