Raffaela, 25, von Beruf Striptease-Tänzerin in Hamburg, sagt, wenn man der Zeitschrift Twen (Nr. 4/82) glauben darf: „...wenn ich auf der Bühne strippe, dann beherrsche ich die Männer“. Die Journalisten des Twen, die Raffaela bei ihrer Arbeit beobachtet haben, beschreiben sie so: „hochhackige Pumps“, „rotgefärbte Haarspitzen“, „Rauch und Whisky in der Stimme“, „Wut, Leidenschaft und Hunger nach Liebe im Körper“. Wie Raffaela bei ihren Auftritten wirkt, wenn es Nacht wird in Hamburg, und was sie tagsüber zu diesen Auftritten sagt, paßt gut zusammen, erfüllt das Klischee eines Stripgirls.

Wenn es in Bochum Abend wird, tritt seit letzter Woche in unregelmäßigen Abständen eine Französin auf. Auen Merteuil versteht ihren Umgang mit Männern als Machtprobe. Ihre Reden sind ein einziger Affront, blasphemisch und obszön. Sie sagt: „Was ist die Verwüstung einer Landschaft gegen den Raubbau an der Lust durch die Treue eines Gatten.“ Sie ist stolz auf ihre Promiskuität, und wenn sie an ihre verflossenen Liebhaber denkt, erinnert sie sich vage an „die verschiedene Krümmung der Schwänze“. Von sich seiber behauptet sie : „Gefühle sind nicht zu befürchten.“ Wie stellt man sich eine Frau vor, die so redet? Rauch und Whisky in der Stimme? Hochhackige Pumps, rote Haare?

Merteuil trägt einen langen schwarzen Rock, einen dunklen Pullover und ein grünes Jackett. Ihre langen braunen Haare sind zu einer biederen Knotenfrisur verflochten. Wenn sich der Vorhang zur Uraufführung von Heiner Müllers „Quartett“ öffnet, hat sie sich schon halb von uns abgewendet. Im grauen Bühnenraum Kazuko Watanabes sitzt sie steif und zur Seite blickend auf dem Rand einer Steinbank, als würde sie für eine klassizistische Bildpostkarte posieren. „Verkenne nie ein liebend Herz“, steht unter solchen Bildern.

Liebe, sagt sie später, wenn sie ihr langes Schweigen bricht, sei eine „Domäne der Domestiken“. Wie diese Frau sich anzieht und posiert und was sie sagt, paßt nicht zusammen. Merteuil sieht aus wie eine Gouvernante aus den zwanziger Jahren, wie eine altgewordene höhere Tochter aus der Provinz. Aber sobald sie ihren Mund aufmacht, hört man die bombastischsten, bösartigsten Metaphern, die defaitistischsten Zoten. Sollte solche Obszönitäten nicht besser Raffaela sprechen?

Wie diese Frau spricht und wie Libgart Schwarz sie spielt, paßt nicht zusammen. „Ah, die Sklaverei der Leiber“, stöhnt sie, richtet sich dabei ihr Jackett als Kopfkissen zurecht und kuschelt sich mit dem Rücken zu uns auf die Steinbank. Wenn sie sich, uns den Rücken kehrend, wieder aufrichtet, sagt sie: „Was geht mich die Lust meines Körpers an, ich bin keine Stallmagd. Mein Gehirn arbeitet normal. Ich bin ganz kalt.“ Dabei beugt sie sich über ein elektrisches Heizungsgerät, das sie neben die Steinbank gestellt hat. Wäre Raffaela nicht glaubwürdiger gewesen?

Libgart Schwarz spricht den Text einer Libertine und spielt eine Gouvernante. Eine Szene lang muß sie mit Raffaela konkurrieren. Raffaela „biegt ihren Körper im Flashleicht“, „treibt es mit einem Unsichtbaren auf dem Bühnenbett“. Libgart Schwarz zeigt keine exhibitionistische Inszenierung wie ihre Kollegin, sondern eine Stellprobe. Auf eine trotzige Weise unbeteiligt, auf eine erschöpfte Weise nicht bewußt, führt sie mit prüder Präzision eine Striptease-Nummer vor: der abgründigste Auftritt dieser Art seit Salomes Zeiten. Wenn sie die Nummer fast schon geschafft hat, postiert sie sich, uns den Rücken kehrend, breitbeinig im hinteren Teil der Bühne und blickt uns über die Schulter an. Und wieder spricht die Gouvernante die Pointen der Libertine: „Jede Kunst braucht Übung“, sagt Libgart Schwarz, während sie sich in eine neue Stellung manövriert, ohne sich jemals mit Merteuils Spiel um die Macht zu identifizieren. Von Raffaela kann sich jeder ein Bild machen. Welche Macht über die Männer sie sich auch zuschreibt in ihrem Dienst für sie, wie exzentrisch sie sich ihre Rolle auch auslegt: so lange sie sich mit ihrer Rolle identifiziert, wird man in Raffaela nur Lola sehen. Von der Merteuil der Bochumer Aufführung kann man sich nur schwer ein Bild machen. Im Sitzen stemmt Libgart Schwarz mit verbissener Anstrengung die rechte Hand gegen die Hüfte, um sich wenigstens jenen Anschein von Haltung zu geben, über die eine Merteuil souverän verfügt. Die linke Hand aber ist ständig in fahriger Bewegung und zählt ununterbrochen die psychopathologischen Befunde auf, die sie daran hindern, ihrer Rolle gerecht und Merteuil zu werden.

Kaum hat Merteuil zu reden begonnen, spricht sie plötzlich mit anderer Zunge: einen Text ihres früheren Geliebten Valmont, und Valmont, den in Bochum Fritz Schediwy mit falschem theatralischen Pathos spielt, antwortet mit den Sätzen Madame Tourvels, die er sich zu seiner neuen Geliebten erwählt hat. Während ihres Striptease spricht Merteuil gerade Worte Valmonts, auf dessen Verführungsversuche sie kurz darauf mit Sätzen ihrer Nichte antwortet, die Valmont erliegt. Zwei Schauspieler spielen „Quartett“. Sie spielen mit Texten, wie Kartenspieler bei einem Quartett mit Spielkarten, sprechen leise, kehren uns oft den Rücken, legen lange Pausen ein. Sie fürchten, daß wir uns ein Bild machen könnten, wie von Raffaela, aus lauter alten Klischees.