In Berlin ist Fahrrad-Aktion. 45 000 nagelneue Räder sollen verkauft werden, die dem Senat gehören. Anfang der sechziger Jahre wurden nämlich in großen Mengen Fahrräder gekauft – für den Fall der Fälle. Die Mauer stand noch nicht lange, die Blockade 1948/49 war noch nicht vergessen, von Entspannung noch keine Rede, vorbeugen gegen weitere mögliche Pressionen des Ostens war das Gebot der Stunde. Sollte es in Kraftstoff mangeln, weil die DDR Zulieferungen stoppte, dann – so die Planer im Rathaus Schöneberg – nicht aufs Pferd, sondern aufs Fahrrad.

In zwanzig Jahren hat sich viel geändert. Selbst ängstliche Gemüter plagt nicht mehr die Furcht einer Blockade – Trimm-dich-Bewegung und Umweltschutzidee haben zudem fast jedem Haushalt ein Fahrrad beschert. Deshalb kann das senatseigene Fahrrad-Depot – in Absprache mit den Aliierten, den obersten Schutzherren der Teilstadt – auf ein Minimum reduziert werden. Runde zwei Millionen Mark erhofft sich der Senat vom Fahrrad-Ausverkauf und zehntausend Quadratmeter Lagerfläche, über die neu verfügt werden kann. In der Berliner Vorratskammer wird von Zeit zu Zeit das Eingemachte aussortiert – nun gibt es neben der in gewissen Zeitabständen auftauchenden billigen „Senatsbutter“ oder „Senatskohle“ auch billige „Senatsfahrräder“.

Die Aktion sollte eigentlich schon im September 1981 starten. Die zu diesem Zweck verständigten Händler jedoch hatten es nicht eilig. Sie reagierten auf das Angebot unlustig. Sommerware verstopft im Winter nur die Lager; wo Inventur ins Haus steht, lagert man schon lieber auf Staatskosten. Aber jetzt im Frühling sind sie da, die Großeinkäufer, und sie kommen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus den angrenzenden Fahrradländem Holland und Dänemark. Die Berliner kommen in Scharen, wie stets, wenn es irgendwo etwas abzustauben gibt.

Einen Haken hat die Sache für sie freilich. Denn nur wer bereit ist, Stücker fünfzig Räder auf einen Streich zu nehmen, wird bedient. Der Preis beträgt dann einhundertfünfzig Mark pro Rad plus Mehrwertsteuer. Bestellung und Vertrieb laufen über die bundeseigene „VEBEG“ in Frankfurt. Großer Einkauf sichert großen Rabatt. Wer über tausend Räder bucht, kommt in den Genuß des einmaligen Vorzugspreises von hundert Mark.

Eine günstige Offerte für Markenräder, auch wenn sie 60er Baujahr sind. Lagerverwalter Horst Martin, der schon dabei war, als die Räder eingelagert wurden, erklärt stolz, als hätte er sie selbst gefertigt: „Da ist noch kein Fitzelchen Plastik dran – alles saubere Wertarbeit. Und wem die flachen Lenker nicht gefallen, der kann sich ja einen moderneren kaufen.“

In Berliner Fahrradgeschäften dürfte ein „Lenkerengpaß“ zu erwarten sein, denn im kargen Lagergelaß der „BEHALA“ (Berliner Hafen- und Lagerhaus Betrieb) in der Kreuzberger Oranienstraße, wo die einzelnen Modelle zu besichtigen sind, geht es zu wie im Bienenstock. Es strömt aus allen Bezirken, von Wedding bis Zehlendorf. Sogar das „British Headquarter Berlin“ ist mit drei Gentlemen vertreten. Sie sind ratlos. Denn nur fünf Räder brauchen sie, nicht ein halbes hundert. Dieses Problem haben nicht nur die Briten zu lösen. Interessenten versuchen sich spontan zusammenzuschließen. Aber viele resignieren bald. 50 erst einmal zusammen und dann noch unter einen Hut zu bekommen, zu entscheiden, wer in Frankfurt bestellt, wer die Lieferung in Empfang nimmt und verteilt – fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber Lagerverwalter Horst Martin verweist an den „Türken“, genauer an den „Verein SO 36“ in der Skalitzer .Straße. Diese Selbsthilfeorganisation mit ihren „Strategien für Kreuzberg“ betreibt Mieterberatung, vermittelt soziale Leistungen und hilft im Umgang mit Behörden, und nun hat sie sich auch in die Fahrradaktion eingeschaltet. Der „Türke“, den Lagerverwalter Horst Martin zitiert, ein diplomierter Volkswirt, zuständig für die Beratung seiner Landsleute, hat nicht geahnt, was er sich bei der Vermittlung im Fahrradgeschäft auflädt. Man habe diese Sammelstelle als Bürgerhilfe angeboten, weil das Fahrrad umweltfreundlich sei und zur Verkehrsberuhigung beitrage, aber gedacht habe man in erster Linie nur an den eigenen Kiez. Der „Türke“ lächelt ein wenig und verspricht, alle zufriedenstellen zu wollen, auch die inzwischen eingetroffenen Engländer. Einzige Bedingung: Vorkasse von einhundertfünfzig Mark. Den möglichen Überschuß sollen soziale Projekte wie Kinderladen oder Kinderbauernhof bekommen. Niemand hat etwas dagegen, Hauptsache, man hat endlich einen gefunden, der die Organisation übernimmt und zu einem billigen Rad verhilft. Gabriele Engert