Von Jes Rau

Der Boß, wie man ihn aus amerikanischen Spielfilmen kennt: Die Füße auf dem Schreibtisch, die Weste aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt, mal fluchend, mal an einer mächtigen Zigarre saugend – Archie wie er leibt und lebt. Mit seinem zur Schau getragenen business as usual-Gehabe, mit seinem ungebrochenen Kratzbürsten-Charme scheint der Chairman von International Harvester, Archie McCardell, alle Gerüchte Lügen strafen zu wollen, wonach der weltweit für seine Lastwagen, Mähdrescher und andere Landmaschinen bekannte Riesenkonzern kurz vor der Pleite steht.

Gerüchte dieser Art kursieren nun schon seit einem Jahr und Berichte über die Schwierigkeiten von Harvester verblüffen mittlerweile nur noch, weil sie zeigen, daß der in Chicago ansässige Konzern mit einem Umsatz von mehr als sieben Milliarden Dollar offensichtlich immer noch am Leben ist.

Solche „Lebenszeichen“ sind derzeit wieder den amerikanischen Zeitungen zu entnehmen. Da ist zu lesen, daß die Verhandlungen zwischen dem Unternehmen und der Gewerkschaft der Autoarbeiter UAW über Lohnkonzessionen von jährlich hundert Millionen Dollar ein kritisches Stadium erreicht haben. Zulieferanten erhielten Telegramme aus der Konzernzentrale in Chicago, in denen sie aufgefordert wurden, die Preise bis zum Jahresende einzufrieren. Und die Gouverneure der Bundesstaaten Ohio und Indiana empfingen vor Ostern Emissäre McCardells, die um finanzielle Hilfe ersuchten, um die Schließung zweier Lastwagenfabriken zu verhindern.

All das sind Anzeichen dafür, daß es jetzt bei Harvester wirklich um die Wurst geht und die Befürchtung von US-Handelsminister Malcolm Baldridge berechtigt ist, daß „ein oder zwei“ Großunternehmen zusammenbrechen werden. „Harvester hat kaum noch Überlebenschancen“, meint der Branchenbeobachter eines Investmenthauses lakonisch.

Da ist „Uncle Archie“, wie manche McCardell nennen, aber ganz anderer Meinung. Er hält an seiner Einschätzung fest, daß das Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte keine Verluste mehr machen wird – „vorausgesetzt, daß sich die Marktbedingungen nicht noch mehr verschlechtern“.

Noch schlechter als jetzt kann es eigentlich auch nicht mehr werden – es sei denn, die Rezession kippt in eine regelrechte Depression ab. Aber auch wenn ein solches Unglück nicht eintritt, wird Harvester nach Schätzung seines Bosses im Geschäftsjahr 1982 über 500 Millionen Dollar verlieren. Vor einem Jahr hatte McCardell Investoren und Kreditgebern in „vertraulicher Information“ versichert, 1982 werde Gewinne von 300 Millionen Dollar bescheren.