Innerhalb von zwei Minuten ist die neue, goldmetallic glänzende Limousine dicht von Elefanten umringt. Ihre Führer, die Mahmuds, schreien heftig durcheinander: „Mister, hier ein Elefantenritt! Hier billig!“ Von meinem letzten Besuch in Ceylon weiß ich, daß man mit den Mahmuds erst einen Preis aushandeln muß, ehe man ihre längst in einladender Knielage ruhenden Dickhäuter besteigt. 75 Rupien fordern sie unisono, 35 biete ich an, wir einigen uns auf 55 – eine Einigung zu ihren Gunsten. Der Ritt dauert nur wenige Minuten: hinein in den Fluß, stillhalten für den Fotografen und dann wieder hinaus. Vor zehn Jahren wurde für weitaus weniger Geld weitaus mehr geboten: ein Ritt tief hinein in die Furt, vergnügt trompetende und wasserspeiende Elefanten und alles in allem ein runder Spaß. Jetzt endet der Mini-Ritt damit, daß mir der Schlitzohrige zehn Rupien zuwenig herausgibt und blitzschnell hinter seinen schlappohrigen Tieren verschwindet.

Die profanen Hüter der heiligen Tempel-Elefanten von Kandy haben offenkundig gelernt, den Massentourismus zu nutzen; die heilige Stadt insgesamt scheint sich dem für Sri Lanka noch relativ neuen Erwerbszweig Fremdenverkehr völlig hinzugeben und die reichhaltigen Erfahrungen eines alten Pilgerortes für schnelle Geschäfte zu nutzen. Im Hotel „Suisse“, einer einst feinen Kolonialherberge, war das Essen miserabel und der Service schlecht, in keiner Stadt wurden wir mehr angebettelt und von Schleppern mit angeblich günstigen Einkaufsmöglichkeiten belästigt, nirgendwo fanden wir höhere Preise für minderwertige Waren.

Und dennoch: Kandy soll man nicht auslassen, wenn man von Sri Lanka mehr kennenlernen will als seine außergewöhnlich schönen Strände. Kandy ist das Zentrum des ceylonesischen Buddhismus. Tausende von Pilgern stehen stundenlang in der heißen Sonne an, um während der paar Wochen der Schreinöffnung einen kurzen Blick auf jene Reliquie zu werfen, in der ein Zahn Buddhas liegen soll. Dieses Zeugnis starker Glaubenskraft mitzuerleben ist ebenso wertvoll wie die Toleranz zu spüren, die Buddhas Anhänger gegenüber Andersgläubigen, besonders gegenüber neugierigen, nicht immer wohlerzogenen Touristen, aufbringen. Wer nach Rom reist, muß auch den (ungleich größeren) Nepp des Zentrums der Christenheit ertragen.

Um es vorwegzunehmen: Kandy war der einzige Ort, der unsere Befürchtung belegte, Sri Lanka sei in den letzten Jahren von den Schatten des Tourismus verdüstert worden. So hatten wir es immer wieder gehört und gelesen in jüngster Zeit: Ceylon sei mit dem aufblühenden Fremdenverkehr verwelkt, seine einst gastfreundlichen, stets lächelnden Menschen seien habgierige Touristen-Ausnehmer geworden, die Insel sei gebrandmarkt von importierter Unzucht, von Drogenhandel und unbuddhistischer Gewinnsucht. Viel davon schien mir nach den Erfahrungen in anderen exotischen Urlaubsländern durchaus vorstellbar, wenn es auch überhaupt nicht in mein altes Ceylon-Bild paßte. Vor zehn Jahren hatte Sri Lanka jährlich 56000 Touristen, jetzt sind es fast 400 000, vor einem Jahrzehnt reisten 8600 Deutsche auf die Insel im Indischen Ozean, heute hat sich diese Zahl verzehnfacht. Da kann ein Land schon seinen Charakter ändern, kann es schon seine Seele verkaufen.

Doch glücklicherweise ist dieser Pakt mit dem Teufel namens „Tourist“ noch nicht geschlossen, ist Sri Lanka noch jenes paradiesisch schöne Eiland, von dem, der Sage nach, Adam geradewegs in den Himmel fuhr. Natürlich hat das neue Gewerbe viel geändert, in dem kleinen Land. Rings um die Urlaubsstrände von Negombo (nördlich von Colombo) und Bentota (südlich) haben die Touristen aus den umliegenden Fischernestern längst charakterlose Wohngemeinden für die Fremdenverkehrsbediensteten gemacht – eine bedauerliche Entwicklung. Aber sie hat auch ihr Gutes. Der Fremdenverkehr ist auf wenige Plätze konzentriert, Dörfer, die nur eine Stunde Fahrzeit von diesen Ferienghettos entfernt liegen, sind nicht mehr im Besuchsbereich der Sand-und-Sonne-Spezies.

In allen Fremdenverkehrszentren entstehen neue Hotels oder werden alte ausgebaut; die großen Reiseagenturen haben erkannt, daß das Geschäft mit den Fremden gewinnversprechend ist und investieren fleißig. Sie sorgen für einen meist vorzüglichen Service, das bedeutet viele neue Arbeitsplätze in einem von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Staat.

Vervielfältigt hat sich binnen weniger Jahre auch die Zahl der Andenkenverkäufer, Bettler oder selbsternannten Fremdenführer, die sich an den klassischen Touristenstätten auf die Fremden stürzen wie Moskitos auf ihre Opfer. Aber sie bleiben doch freundlich dabei, sie behalten ihr strahlendes, frohstimmendes Lachen, auch wenn man ihren Wunsch nach Rupien nicht befriedigt. Wer einmal in anderen fernöstlichen Ländern, in Afrika oder Südamerika erlebt hat, wie sehr Touristen von armen und verbitterten Einheimischen bedrängt und bisweilen auch tätlich angegriffen werden, der mag sich über die herzlichen Okkupationsversuche der Ceylonesen weniger beklagen. Anlaß zur Sorge geben nur Sri Lankas bettelnde Kinder. Aber das ist ein Thema für sich.