Von Peter Bender

Pjöngjang

Im Lesesaal der Universitätsbibliothek von Pjöngjang ist ein Pult ganz und gar mit weißem Tuch eingeschlagen. Hier, so wird dem Besucher erläutert, saß der große Führer einmal; und zum Gedenken daran soll hier kein anderer mehr sitzen.

Die Schwierigkeit, über Kim II Sung zu schreiben, besteht darin, nicht ganz und gar über den Kim-Kult zu schreiben. Die akustische und optische Allgegenwart des nordkoreanischen Staats- und Parteichefs übertrifft sämtliche Vorbilder, Stalin wie Mao und alle Potentaten der Dritten Welt. Opern, Tanzlieder, Volkslieder, Kinderlieder – sie preisen allemal den Führer. Schulzimmer, Hörsaal oder Fabrikhalle, Krankenzimmer und U-Bahnstation, der Empfangsraum einer LPG oder die Theaterhalle, Kinderkrippe und Museum – Kim ist einfach allgegenwärtig, sei es als Statue oder als Bild, stets kolossal und gigantisch. Sogar im privaten Kreis muß Kim gehuldigt werden, denn jeder erwachsene Nordkoreaner trägt an Jacke oder Hemd, Bluse oder Kleid eine Plakette mit seinem Konterfei.

Wie ein Halbgott wird er besungen, doch wenn man vor ihm steht – eine ganz irdische Erscheinung: höchstens mittelgroß, schwarzes – obwohl er am 15. April siebzig wird –, wenig ergrautes Haar, ein breites, nicht sonderlich ausgeprägtes Gesicht, kluge Augen, rundliche Figur. Kein strahlender Held, kein finsterer Tyrann; eine starke Persönlichkeit, absolut beherrschend auch im Umgang mit höchsten Funktionären. Bei einem Abendessen im ganz kleinen Kreis saß neben mir ein Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees, höher geht’s nicht in einem kommunistischen Staat – doch er trank nur, wenn ihm zugetrunken wurde, sprach nur, wenn er gefragt wurde; und dabei erhob er sich jedesmal halb.

Kim II Sung zieht seine Bedeutung nicht wie Stalin aus der Entrücktheit, sondern aus der Volkstümlichkeit. Mehr als die Hälfte seiner Zeit verbringt er außerhalb seiner Amtsräume; er reist durchs Land, besucht Fabriken, Schulen, Genossenschaften. Zwei Wochen soll er sich in einem Dorf aufgehalten haben, das nachher zum Musterdorf für neue Landwirtschaft aufstieg.

Die praktische Klugheit eines Bauern spricht aus den Geschichten, die von ihm erzählt werden. Mitte der sechziger Jahre rieten Professoren, die Kraftwerke auf Öl umzustellen; das sei die billigste, sauberste und modernste Energiequelle. Kim jedoch war mißtrauisch und befahl, bei dem zu bleiben, was Nordkorea selber hat: Kohle und Wasserkraft. Der gesunde Instinkt des Bauern hatte sich durchgesetzt – und hat sich glänzend bewährt.