Von Horst Bieber

Brasilia‚ im April

Geplant war ein ganz normaler Staatsbesuch, so recht nach dem Herzen des Protokolls: Viele Termine, viele Reisen innerhalb Brasiliens (die brasilianische Luftwaffe half mit drei Maschinen), viele Gespräche für Bundespräsident Karl Carstens, der die Visite des brasilianischen Staatspräsidenten vom vorigen Jahr erwidern wollte. Daß aus der Tour doch noch eine fast hochpolitische Reise werden würde, verrieten schon vor dem Abflug vom Köln-Bonner Flughafen die vertieften Falten in Hans-Dietrich Genschers Gesicht: Argentinien hatte die Falkland-Inseln besetzt, das Vereinigte Königreich drohte zurückzuschlagen, Kriegsgefahr überschattete den sechstägigen Staatsbesuch von der ersten bis zur letzten Stunde. Die freundlichen Gastgeber waren mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache – abgesehen davon, daß auch brasilianische Politiker vor Ostern eher an Ferien, freie Tage und Arbeit in den Wahlbezirken denken.

Die ersten beiden Tage – dann flog Genscher in die Bundesrepublik zurück – waren also die 48 Stunden des Außenministers, die er rastlos nutzte. Freilich nur mit beschränktem Erfolg: Mit spröder Liebenswürdigkeit entzogen sich die brasilianischen Gesprächspartner seinem Werben um eine Art konzertierter Aktion. An eine offizielle Vermittlung zwischen Buenos Aires und London hatte Genscher ohnehin nie gedacht, aber er wollte seine "guten Dienste" anbieten, um die Streitpartner wieder an den Verhandlungstisch zu bringen, an dem sie seit mehreren Monaten gesessen hatten.

Zu mehr wollte sich die Regierung des größten Staates Südamerikas auch auf keinen Fall verstehen. Brasilien unterstützt den historischen Anspruch Argentiniens auf die Malvinen, verurteilt aber den Akt der Gewalt und die Verletzung des Völkerrechts. Den Rest überläßt es gern den Vereinten Nationen, der "Organisation amerikanischer Staaten" (OAS) und der Reisediplomatie des amerikanischen Außenministers Haig.

Unterhalb der amtlichen Ebene äußerten sich Brasilianer deutlicher. "Die sind verrückt geworden", meinte die Frau eines Bankiers, "die müßten doch ganz andere Sorgen haben." Das alte Vorurteil gegen die lange hindurch beneideten, dann – nach den Wirren des Peronismus und der erfolglosen Militärdiktatur – eher bedauerten Nachbarn im Süden bricht wieder auf: unzuverlässig, hochnäsig, unberechenbar seien die Argentinier. Ein Jurist belehrte die Deutschen ernsthaft: "Der Atomvertrag (zwischen Bonn und Brasilia) ist doch keine Frage der Energieversorgung, die ist zweitrangig. Wichtig ist, daß die Argentinier nicht mehr auf uns herabsehen können!" Ein Oppositionspolitiker gab die Stimmung im Lande und wohl auch seinen Herzenswunsch so wieder: "Viele Brasilianer hoffen auf ein Wunder – daß die argentinische Flotte untergeht, ohne einen britischen Schuß."

Man liebt sich nicht. Die Erinnerungen an vergangene Auseinandersetzungen sind noch wach. Gegenseitige Besuche der Staatspräsidenten haben das Eis zwar gebrochen, aber das Klima noch nicht erwärmt. Soweit sich die Brasilianer überhaupt für Außenpolitik interessieren, wünscht man dem Nachbarn einen Dämpfer, der jedoch nicht zu heftig sein darf, da sonst das hochgradig instabile Regime in Buenos Aires zu Panikaktionen neigen könnte, und außerdem so ausfallen muß, daß die Interessen Brasiliens nicht verletzt werden. Schließlich ist man ein Land der Dritten Welt, von dem unter Umständen Entschiedenheit verlangt wird. Wenn jedoch die Mannschaft Figueiredo überhaupt eine Außenpolitik aus einem Guß verfolgt, dann die, den brasilianischen Handel und Export zu fördern.