Von Volker Mauersberger

José Maria Duarte legt Wert darauf, daß hinter seinem Familiennamen das Kürzel "junior" erscheint: das Wort soll symbolisieren, daß die Firma des heute 61jährigen Bauunternehmers aus Lissabon in zweiter Generation fortgeführt wird – erst recht in dieser Zeit, wo Traditionen immer weniger geachtet werden. "Was damals passierte", sagt er und blickt aus dem Fenster seines Büros auf die verschachtelten Ziegeldächer der Lissaboner Altstadt herab, "war eine unverschämte Plünderei." An der Wand seines Büros in der siebten Hochhausetage hängt zwar die Luftaufnahme eines pompösen Hotelgebäudes, das unter golfspielenden Algarve-Touristen aus England und der Bundesrepublik höchstes Renommee genießt, doch der optische Beweis dafür, daß José Maria Duarte vom portugiesischen Bauboom der letzten zehn Jahre kräftig profitierte, kann die Erinnerung an die Schmach von damals nicht verdrängen. Während er erzählt, daß er seine Hotelkette vom portugiesischen Süden bis an die portugiesische Nordküste verlängern will, kommt er immer wieder auf ein einziges, ihn brennend interessierendes Thema zurück. Das Stichwort heißt: "Monte Branco" – auch dies eine Metapher, die urplötzlich eine drastische Stellungnahme provoziert. "Für mich als Großgrundbesitzer eine einzige Niederlage."

Am frühen Morgen des 19. Juli im Jahre 1975 erhielt er den dringenden Anruf seines Verwalters Antonio Teixeira. Im Innenhof von "Monte Branco", so rief der Verwalter ins Telephon, seien fast zweihundert Leute erschienen, unter ihnen viele mit Pistolen und Gewehren. Man habe ihn aufgefordert, das Gut an die kommunistischen Revolutionäre zu übergeben. Gewiß hatte José Maria Duarte nach der April-Revolution des Jahres 1974 nicht damit gerechnet, daß sein Besitz von der Kollektivierungswelle erfaßt werden könnte, die besonders im Frühjahr 1975 unter der provisorischen Regierung von Vasco Goncalves begann. Gute Freunde aus Lissabon, aber auch einflußreiche Militärs der nahegelegenen Infanterieakademie hatten ihm immer wieder versichert, daß die revolutionäre "Bewegung der Streitkräfte" seinen Grundbesitz unangetastet lassen würde. "Sie sind oft mit mir auf die Rebhuhn- und Hasenjagd gegangen", sagt er und gibt offen zu, daß er bis zu jenem 19. Juli 1975 keinerlei Befürchtungen hatte.

Fast an jedem Wochenende sei er mit seinem kleinen Sportflugzeug von Lissabon hinüber nach "Monte Branco" geflogen, einem weitläufigen Anwesen auf der Straße zwischen Setubal und Evora. Als er "Monte Branco" 1967 von einem berühmten, in Spielschulden verstrickten Torero übernahm, hatte er sogleich mit dem Ausbau des über 600 Hektar großen Gutshofs begonnen. Noch immer gehörte der Alentejo zur fruchtbaren Kornkammer Portugals: Vor allem Korkeichen und Eukalyptus, Apfelsinen, Zitronen und der berühmte "Vinho verde" erzielten auf dem in- und ausländischen Markt Spitzenpreise.

Wenn José Maria Duarte von Lissabon aus auf "Monte Branco" zuflog, konnte er sein Anwesen nicht ohne Stolz und unternehmerisches Hochgefühl übersehen: Links vom zweistöckigen Gutshaus der langgestreckte Apfelsinenhain, wo 1970 genau 12 900 neue Bäume gepflanzt worden waren. Gegenüber, zuweilen versteckt unter Korkeichen- und Pinienbäumen, über 30 000 Weinreben, aus denen im Herbst der Hauswein "Montechor" gekeltert werden sollte: ein Spitzenprodukt für die Hotelgäste der Algarve. Dazwischen die weitläufige Pferdekoppel – Stolz seines Besitzers, der mit seinen Söhnen und Freunden zur Wochenendjagd auszureiten pflegte.

"Er landete drüben auf der Piste", sagt Joaquim José dos Santos, den seine Freunde "Gatu" nennen. "Dann ließ er sich von Antonio hinüber zum Gutshaus fahren." Der grauhaarige, im Dienst auf "Monte Branco" krumm gewordene Arbeiter war der einzige, der noch heute vom Aufschwung des Gutshofs erzählen kann. "Ja, dieser ‚Gatu‘ war dabei", sagt José Maria Duarte in der Erinnerung an den damaligen Juli-Tag, "und ein anderer, den sie Pedro nannten."

Was für den Unternehmer und Gutsbesitzer Jose Maria Duarte bis heute eine fortwährende Beleidigung geblieben ist, hat sich für seinen Verwalter Antonio Teixeira fast zu einem drückenden Alptraum verwandelt. Vielleicht kennt die wechselvolle Geschichte des portugiesischen Alentejo, wo sich ein revolutionärer Sozialismus überwiegend friedlich realisierte, ähnlich verlaufene Schicksale. Die Parabel vom Herrn und Knecht, die sich gemeinsam dem Feind entgegenwerfen, ist noch die zutreffendste Beschreibung jener Gefühlslage, mit der José Maria Duarte und sein Verwalter Antonio Teixeira heute das Zurückliegende interpretieren. "Solange sie fleißig sind und das Maul halten, können sie bleiben. Sonst fliegen sie raus." Der Satz des 66jährigen Verwalters Antonio gilt den Frauen und Männern, die seit über einem Jahr wieder auf "Monte Branco" angestellt sind. Seit dem 11. August des Jahres 1980, als die Politik der Reprivatisierung einsetzte, hat Antonio Teixeira nur ein einziges Ziel: sich und seinem Herrn Stück für Stück zurückzuerobern, was man vor nunmehr sieben Jahren an die revolutionären Besetzer verlor.