ARD, Freitag 9. und Sonntag, 11. April: "Tarabas", Fernsehfilm nach dem Roman von Joseph Roth.

Wasseipollackei, Wolhynien, Galizien, polnische Wirtschaft, Ostjuden und ständiges Durcheinander der Politik: wir wissen kaum noch, wo das liegt, und schmecken allenfalls undeutliche Gerüche, die aus Erzählungen hochziehen: Amalgam aus Lehm und Leben, Schweinemarkt und Sabbatfeier. Kaum denkbar, daß die Menschen jener Länder (genannt Bewohner) wußten, wozu sie gehörten, außer zu Gott, ihren Familien und den Nachbarn; ob zu einem Königreich Polen, einem Königreich Galizien, zu Österreich, Krakau, Böhmen, dem Deutschen Reich oder Rußland – sie lebten seit Jahrhunderten im Dreißigjährigen Krieg, von jenen vertrieben, von diesen verbrannt. Sie lebten so schlecht und recht.

Dies ist der Hintergrund von Joseph Roths Roman "Tarabas – ein Gast auf dieser Erde", mehr seelische als geographische Grundierung. Geschrieben im Pariser Exil, 1934, erzählt "Tarabas" von einem Offizier, dessen Namen an den Aufrührer Barabas erinnert (an dessen Statt Jesus gekreuzigt wurde), einem Söldnerführer, der nach amoralisch hingebrachter Jugend, bindungslos und "unbesonnen" im Ersten Weltkrieg sein Ziel findet: "Der Krieg wurde seine große, blutige Heimat". Die russische Revolution entsetzt ihn seiner Aufgaben und nimmt ihm, indem sie sein Land zum freien Polen ernennt, die emotionale Heimat, den Krieg mit seinen Gesetzen der Amoralität. Er wird zum ratlosen Regimentskommandeur einer Garnison, inmitten von Juden, Bauern und gelangweilten Söldnern.

Saufgelage in Einsamkeit, Ausbrüche katholischer Massenverzückung, ein kurzes und wüstes Pogrom und der Zusammenbruch des "gewaltigen", des "fürchterlichen Tarabas", der einem hilflosen Juden im Zorn den Bart ausriß – dann die Bekehrung dieses Saulus: er geht als Landstreicher in die Felder, erlangt die Vergebung vom gedemütigten Juden, stirbt in einem Klosterbett. Dies ist die Geschichte "von dem seltsamen Oberst Tarabas, der als ein gewaltsamer König in das Städtchen gekommen war und als ein armer Bettler darin begraben wurde".

Eine alttestamentarische Geschichte, verwoben mit den Gnaden des Neuen Testaments. Bei aller Hoffart des Tarabas dennoch dieser Satz schon zu Anfang: "Ein starker Glaube lebte in seinem Herzen. Er war Katholik." Er war sich stets sicher, "daß Gott ihn liebt", da er ja die Sünder liebe.

Davon, leider, ist in Michael Kehlmanns zweiteiliger Fernsehverfilmung nichts zu spüren gewesen. Das eigentliche Motiv, um dessentwillen der zuletzt tief katholische Jude Roth den Roman geschrieben hatte, entfiel somit: das Wissen, daß ein Mensch in der Gnade seines Gottes steht, was mehr meint als die profane Strafbedeutung des Wortes, nämlich, daß durch Buße jede einstige Verfehlung rückwirkend zur "Prüfung" wird. Im Film, der ausgezeichnet Atmosphäre malte, wunderbare Bilder trunkener Soldaten, ängstlicher Juden und handwerkswarmer Dörfer und Felder entwarf, fehlte das, und auch der Off-Erzähler Kehlmann vermittelt zu wenig vom religiös-moralischen Inhalt des Romans. Unklar blieb die historische Folie – eigentlich wußte man gar nicht, wo und unter welchen Umständen die Geschichte spielte, ja, was überhaupt gespielt wurde (wohl niemand wird die Vorgeschichte des Pogroms, die geplante Strategie der Entlassung eines halben Regiments kapiert haben).

Dennoch entstand ein dichter Webteppich aus legendendunklen Geschichten, und Helmut Lohner, wenngleich von Gestalt kein "fürchterlicher Tarabas", ging in anrührend dumpfer Triebkraft durch "Prüfung und Erfüllung" (so nämlich nennt Roth die beiden Teile seines Romans): er versteht eben nicht, was vorgeht. Und Günter Mack, der jüdische Gastwirt Nathan Christianpoller, breit und tief wie der Ewige Jude, beugt sich Tarabas’ weltlicher Gewalt wie Brechts Herr Keuner, der sein Rückgrat nicht zum Zerschlagen hatte. Ein schöner breiter Fernseh-Film; seine Vorlage konnte er nicht erreichen. Michael Skasa