Hervorragend

Dario Domingues: „Die Reise der Yaghan ist zu Ende“ – und dies ist gleichsam das letzte Lied, das ihnen gesungen wird, einem Indianerstamm, der von Asien her über die Beringstraße gekommen war und sich Feuerland, „dieses unwirtliche Land vor Tausenden von Jahren ausgesucht“ hatte, um hier „– bis zur Ankunft der Europäer – in ungetrübter Harmonie mit den Elementen zu leben“. Als Anfang des vorigen Jahrhunderts, wie man weiter liest, Darwin mit dem Segler „Beagle“ hierher kam, lebten noch an die dreitausend Yaghan hier, 1908 waren es noch 170 und 1932 nur mehr 43. „Der letzte vom Stamm der Yaghan verließ diese Welt in den siebziger Jahren.“ Dario Domingues, Nachfahr der Feuerland-Indianer, hat ihnen diese Schallplatte zugedacht. So erklärt sich der Titel; der Musik, die in europäischen Ohren unüberhörbar lateinamerikanisch klingt, bleibt gleichwohl etwas Geheimnisvolles. Es ist eine von Melancholie durchzogene, an Stimmungen reiche, sehr poesievolle Musik, in der mit viel Klangphantasie und Geduld Naturerinnerungen weniger gemalt als reflektiert werden. Domingues und seine acht empfindsamen Mitspieler verwenden dabei ein exotisches, überaus farbenreiches Instrumentarium. Die Neugier beim Zuhören erlahmt nicht einen Augenblick. (Trikont, Kistlerstraße 1, 8000 München 90; US-0090)

Manfred Sack

Hörenswert

Dave Edmunds: „D E 7“ Der walisische Rock ’n’ Roll-Veteran und eingestandene Everly Brothers-Fan aus Cardiff hat nach dem Ende von Rockpile eine neue Band zusammengestellt, unter denen sich offensichtlich mehrere Liebhaber von Louisianas Cajun Music finden. Entsprechend häufiger hört man auf „D E 7“ neben alten (Chuck Berrys „Dear Dad“) und neuen (Bruce Springsteens „From Small Things, Big Things Come“) Kompositionen die swingende Quetschkommode, die das typische Instrument jener Südstaaten-Volksmusik ist. Auch Rockabilly- und Bluegrass-Songs spielt die Band in einer unakademisch lässigen Manier, über die nur alte Profis wie sie so selbstverständlich verfügen. Traditionspflege dieser Art klingt fast schon wieder fortschrittlich in einem Moment, wo die Pop-Neutöner des Augenblicks mangels eigener Ideen die gestern gehörten Platten von Kollegen zum eigenen „Stil“ verarbeiten. (Arista 204 508) Franz Schüler

Genügsam/Aufregend

Ludwig van Beethoven: „Violinkonzert“. Wenn man sich heute vorstellt, daß der Solist der Uraufführung, der Geiger Franz Clement, das Konzert „kaum 2 Tage nach seiner Vollendung mit größter Wirkung produziert“ haben soll, verbleiben eigentlich nur zwei Vermutungen: Entweder war der Konzertmeister am Theater an der Wien über alle Maßen genial (wofür einiges spricht), oder die Aufführung war, weil schockierend genug, schuld daran, daß das Stück, als „unspielbar“ angesehen, so lange Zeit brauchte, um sich durchzusetzen (was wiederum heute nicht mehr gut nachzuvollziehen ist). Daß aber auch 1982 die „jüngere“ Generation der Geiger durchaus noch ihre Probleme mit dem Werk hat, zeigen zwei soeben erschienenen Aufnahmen. Itzhak Perlman, dessen Name ansonsten so gar nicht für akademisches Musizieren steht, mag hier ein Überbeispiel für eine klassische Ausgewogenheit angestrebt haben. Das brachte makellose Linien und Phrasierungen ein, Akkuratesse und eine hervorragend abgestimmte Balance zwischen dem Soloinstrument und dem Philharmonia Orchestra. Aber weder dessen Dirigent Carlo Maria Giulini noch Perlman selber lassen sich je zu einer auch nur leichten Emphase hinreißen; alles bleibt in ruhigsten und schönsten, aber eben auch nicht weiter aufregenden Bahnen. Umgekehrt hat sich Gidon Kremer, vielleicht ermutigt durch seine so hinreißend direkte und vitale Aufnahme des Tschaikowsky-Konzertes, ganz nahe an das Mikrophon stellen lassen; man hört jede auch nur leichte Veränderung des Bogendrucks, der Ton wird dadurch zwar „menschlich“, gewinnt physische Konturen, aber die Linien bekommen auch Wirkungen und Farbnuancen, die immer wieder die Phrasen unterbrechen. Auf der anderen Seite: wohl noch nie hat jemand eine so „aktuelle“ Kadenz gewagt wie Kremer hier mit Solo-Einschüben des russischen Komponisten Alfred Schnittke, der Halbton-Reibungen und Klang-Glissandi ebenso verwendet – wie die scheinbare „Rückkehr“ zu einem „falschen“ Konzert, nämlich zu Brahms. Dank der sehr flexibel begleitenden Academy of St. Martin-in-the-Fields unter ihrem langjährigen Chef Neville Marriner wirkt diese Aufnahme jünger, frischer, frecher, gewiß aber auch zarter, insgesamt musikalischer als die mit Perlman. (Perlman: Electrola 1 C 067-43 063; Kremer: Philips 6514 075)

Heinz Josef Herbort