Von Petra Kipphoff

Greco aber kommt wie der Blitz. In dem Moment, wo die großen Erlebnisse, ich will nicht sagen zu Ende, aber eingetroffen sind. Es ist alles wesentliche, so glaubte man, in der Kammer, und es kann sich jetzt nur noch, so bildete man sich ein, um das Aufräumen handeln. Allenfalls werden noch Kleinigkeiten erwartet, Ergänzungen, Nachzügler, Mitläufer, Kroppzeug. Da kommt er und schlägt wie eine Bombe ein." Julius Meier-Graefe, der Schriftsteller und Kunstkritiker, der frühe Apologet von Cézanne und Freund von Hans von Marées, fällt mit diesem Bekenntnis abrupt aus dem Tagebuchtonfall lockerer Eleganz heraus, in dem seine "Spanische Reise" (1910) gehalten ist.

Mir selber kam dieser Blitz als Kind wie ein Feuerwerk mit Weihrauch vor: die kleinen Heiligenbildchen, die im Gebetbuch meiner katholischen Freundin lagen, zeigten hier eine tränenselige Heilige, dort einen verzückten Jesus von oder doch zumindest frei nach El Greco.

"Wenn er gut war, übertraf ihn keiner; und wenn er schlecht war, auch nicht" – in diesem bissigen Aperçu, mit dem Antonio Palomino in der ersten umfassenden Kunstgeschichte Spaniens (1715/24) die Ausführungen über El Greco krönt, liegt der Hinweis auf ein außenseiterisches Werk und auf eine extreme und ambivalente Wirkungsgeschichte: hier der "Blitz" oder, für Rilke, die "sinnliche Geistigkeit" eines Werkes, die den Sekretär Rodins nach Toledo, in die Stadt El Grecos zog; dort die Multiplizierung im Andachtsbildchen, Propaganda, Vermarktung, Verwendbarkeit. Und noch eine Eigenart der Wirkung El Grecos paßt in diese Situation: Mehr als bei den meisten anderen Künstlern hat jede Zeit in ihm das entdeckt, was sie selber suchte, und das an ihm zurückgewiesen, was sie nicht brauchen konnte. Wobei es sich oft einfach darum handelte, daß eine zunächst pejorative Charakterisierung ein Jahrhundert später zum Lob wurde. So ging es mit den Vokabeln "caprichosa" und "extravagante", die im 18. Jahrhundert ein Vorwurf waren, im 19. Jahrhundert jedoch, im Zusammenhang romantischer Philosophie, positiv umgemünzt wurden.

Der erste Impuls für diesen Umschwung in der Bewertung des nach seinem Tode teils vergessenen und teils verachteten Künstlers kam aus Frankreich, wo, nachdem Bilder von El Greco als napoleonisches Beutegut ins Land gekommen waren, vor allem auch die Künstler ihre Bewunderung für El Greco artikulierten. Für Delacroix, Millet und besonders auch Manet war El Grecos alternative, antiakademische Malerei eine gerade im Zusammenhang ihrer eigenen Ambitionen wegbereitende Tat. Erst 1902 erhielt El Greco eine Einzelausstellung im Prado, erst 1908 erschien eine große Untersuchung seines Werkes in Spanien (von Manuel Cossio), in der dann freilich nicht nur Leben und Werk gewürdigt wurden, sondern El Greco auch als Zeitgenosse der großen Mystiker Johannes vom Kreuz und Theresa von Avila und als Bruder des Cervantes gefeiert wurde. "Der Grieche" wurde zum Spanier ernannt.

In Deutschland wurde El Greco wiederum vor allem von den Künstlern als einer der Ihren erkannt. Im Vorwort zum Almanach des "Blauen Reiters" (1912) schreibt Franz Marc: "Wir weisen gern und mit Betonung auf den Fall Greco, weil die Glorifikation dieses großen Meisters im engsten Zusammenhang mit dem Aufblühen unserer neuen Kunstideen steht. Cézanne und Greco sind Geistesverwandte über die trennenden Jahrhunderte hinweg. Beider Werke stehen heute am Eingang einer neuen Epoche der Malerei. Beide fühlten im Weltbilde die mystisch-innerliche Konstruktion, die das große Problem der heutigen Generation ist."

Heute bedarf El Greco keiner Entdeckung mehr. Aber gerade angesichts der Wirkungsgeschichte stellt sich die Frage, was derjenige heute in El Greco entdeckt, der ihn im Bewußtsein "der Probleme der heutigen Generation" sieht.