Von Horst Dichanz

Da stehen sie nun – als Knopffabrik, als Lager, als Kinderhort, Tagesbildungsstätte, Heim für Obdachsuchende oder Unterkunft für Aussiedler und Asylanten, als Waldcafe – alte Schulgebäude nicht mehr benötigter Schulen. Die westfälische Gemeinde Lengerich verlor von 1961 bis heute neun ihrer insgesamt 17 ehemaligen Volksschulen, die Gemeinde Dülmen von ihren 22 bis heute zehn an die in den sechziger Jahren begonnene zentralisierende Schulreform. 100 Kilometer weiter östlich, schon in Niedersachsen, bewohnt ein ehemaliger Lehrer seine ehemalige zweiklassige Landschule. Sie wurde 1972 verkauft, der Schulbetrieb in die Zentralschule Bissendorf eingegliedert.

In Niedersacnsen deuten sich schwierige Entwicklungen an: Im Raum Osnabrück werden von 1985 an Probleme mit leerstehenden Schulen erwartet; im Landkreis Ammerland stehen in Kürze die Hälfte der Schulgebäude leer; ein besonderer Problemfall ist bereits jetzt das 1974 erbaute, mit rund 40 Klassen- und 17 Fachräumen ausgestattete „Schulzentrum am Marschweg“ in Oldenburg, das bald für schulische Zwecke gar nicht mehr benötigt wird.

Im Münsterland wie am Niederrhein verschwanden im Zuge der Zentralisierung ebenso in vielen Gemeinden die Schulen wie in Ostfriesland oder Teilen von Hessen, andere Gemeinden behielten nur – mit organisatorischen Tricks über Verwaltungseinheiten – ihre Grundschulen. Angesichts zurückgehender Schülerzahlen sind nun auch viele dieser Grundschulen, mehr aber noch Hauptschulen, aber auch Realschulen und Gymnasien in ihrem Bestand gefährdet, neue Zentralisierungen werden erwogen, ausgerechnet.

Die negativen Folgen derart zentralisierenden Schulpolitik, der Wahnsinn der allmorgendlichen Schülerbusverschickung – in Nordrhein-Westfalen werden 985 000 (38 Prozent) Schüler hin- und hergefahren. Die daraus resultierenden Zumutungen sind oft genug beschrieben worden. Vergessen worden ist, was die Schließung von Schulen für die jeweiligen Gemeinden bedeutet.

Für viele kleinere Gemeinden war die Schule, nicht nur wegen der sonst fehlenden Veranstaltungsräume, ein Zentrum kultureller Aktivitäten. Von den schulischen Versammlungen über Vereinstreffen bis hin zum Schulfest, zum Gastkonzert und Vortrag fand hier alles statt, was zur Belebung des geistigen Lebens einer Gemeinde beitrug. Hier trafen sich oft nachmittags die Schüler, um ihren Initiativen nachzugehen. Sie fühlten sich durch die Schule keineswegs gestört, sie nutzen sie als Kristallisationspunkt. Eine Gemeinde ohne Schule war schlicht nicht vorstellbar.

Ohne Schulen veröden die kleinen Gemeinden, werden bestenfalls zu Bauland. Im Dorf werden abends die Bürgersteige hochgeklappt und die gleichförmige Zentralversorgung eingeschaltet: Fernsehen. Nicht nur das kulturelle Leben leidet unter dem Auszug der Schulen. Auch das Freizeitangebot, besser die Interessenbindung der Jugendlichen wird aus der Gemeinde heraus verlagert. Die Schulen bieten nachmittags nichts mehr, es gibt oft keinen Anlaß, auch keinen Raum mehr, sich im Ort zu sehen. Es ist nichts los, – aber man kann auch weniger losmachen. Zerstörungswut, Abenteuerkriminalität, Verkehrsrowdytum haben wahrscheinlich auch hier eine Ursache. Die Lehrer waren lange Zeit im örtlichen Kulturleben aktiv, sie sind es noch heute. Etwa an Volkshochschulen: Vom Abschlußkurs für Hauptschüler über Deutschkurse für Ausländer oder den oft fälschlich belächelten Heimatforscher bis zu den regelmäßigen Bildungsreisen nach Israel tragen sie in erheblichem Maße zu Bereicherung des geistigen Lebens bei – wenn eine Schule am Ort ist.