Von Christian Meier

Wie ist es möglich, daß eine Ordnung untergeht, welche alle an ihr Beteiligten für die rechte halten? Genauer: daß sie von den Beteiligten selbst zerstört wird, nämlich ohne irgendeine mächtige Einwirkung von außen? Daß sie zerstört wird, ohne daß einer sie hätte angreifen wollen, vernichtet, ohne daß einer sie verneint hätte?

Nur durch unbeabsichtigte, durch Nebenfolgen des Handelns kann eine solche Wirkung erreicht werden. Was immer die Beteiligten tun: irgendwelche Impulse müssen von diesen Handlungen eingehen in den größeren Zusammenhang des Prozesses, den sie alle nicht wollen, der aber dennoch aus ihrem Handeln entstanden sein muß, da nichts sonst ihn verursacht haben kann. Dies alles hängt ganz von den Konstellationen ab, in denen Handlungen sich vollziehen.

Menschen tun an sich wohl immer das gleiche, indem sie etwa ihr Leben zu sichern und zu genießen, ihre Pflichten und Interessen wahrzunehmen, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen trachten, indem sie verwalten, Politik machen, Gegner bekämpfen und sich auszuzeichnen versuchen. Wenn aber die Römer der späten Republik dies taten, wie es vor ihnen die der klassischen getan hatten, trieben sie den Prozeß der Auflösung ihrer Ordnung voran, während jene damit ihre Ordnung nur bewährt hatten. Denn inzwischen waren die Konstellationen verändert.

Man beobachtet zum Beispiel, um mit dem Einfachsten zu beginnen, verschiedene circuli vitiosi, genauer gesagt: vitiöse Spiralen, denn die Bewegung steigerte sich. Aus der Ausbeutung der Provinzen zum Beispiel resultierte mannigfache Korruption. Diese bildete auf verschiedene Weise einen Ansporn einerseits zu weiterer Ausbeutung, andererseits zu Bestrebungen, sie einzudämmen: Einrichtung von Gerichten, Verschärfung von Strafen. Die jedoch hatten ihrerseits die Wirkung, daß die Ausbeutung gesteigert wurde. Denn nun mußten auch noch die Richter bestochen werden.

Es veränderten sich die Preise. Wer etwa gewählt werden wollte, hatte zunehmend mehr aufzuwenden. An sich ging es ihm nur um die Wahl, um die Laufbahn, die ihm nahezu vorgeschrieben war. Aber davon wurde als Nebenwirkung ein Beitrag zur zunehmenden Korrumpierung, zu wachsenden Erwartungen und steigender Ausbeutung abgezweigt. Der Prozeß verlief freilich nicht geradlinig, 52 etwa besserten sich die Sitten wieder.

Wachsende Korruption muß auch, wie die Weltgeschichte zeigt, nicht tödlich sein für ein politisches System. Doch in Rom fügte sie sich ein in einen weiteren Zusammenhang. Da wurde zum Beispiel innerhalb der Oligarchie die zunehmende Korruption dadurch virulent, daß sie sich mit der Lust des Volkes an immer großartigeren Theaterbauten und Spielen verband und daß aus der bis dahin vorherrschenden Solidarität des Adels zunehmend der Ehrgeiz einzelner Männer und Geschlechter freigesetzt wurde. Da keiner auch nur den Ansatzpunkt zu einer Machtposition gewinnen sollte, die ihn über die grundlegende oligarchische Gleichheit hinausgehoben hätte, wurden fast alle Regungen besonderer Eigenart, Phantasie, Selbständigkeit, fast alle Versuche, auf neue Lagen mit neuen Mitteln zu reagieren, mit Argwohn und Verdacht verfolgt; Mittelmäßigkeit, Starrheit, Borniertheit prämiert. Die Folge war einerseits vielfältiges Versagen, andererseits, daß immer wieder ein Mann einzuspringen hatte, der anders war, nämlich Pompeius, und daß der einen ungewöhnlichen Aufstieg nahm, weil sonst keiner unkonventionell zu handeln, besonders auch mit den neuen Berufsarmeen umzugehen wußte.